Komplexitätsreduktion

Hallo zusammen,

gerade fühle ich mich inspiriert, das Thema „Komplexitätsreduktion“ anhand des neuen Designs von Facebook zu illustrieren.

Grundsätzlich ist es ja so, dass wir in einer hochkomplexen Welt leben, und der Mensch – um es mit Peter Kruse zu sagen – deshalb das einzige Lebewesen ist, was vom Äquator bis zu den Polen überleben kann, weil er über ein hochkomplexes Netzwerk verfügt: das Gehirn. Um mit unserer Umwelt klar zu kommen, befinden wir uns permanent in einem Prozess der Komplexitätsreduktion, indem wir uns auf die (unserer Ansicht nach) wesentlichen Punkte konzentrieren, die eine Situation ausmachen. Ein Netzwerk – auch ein Soziales – hat also weithin die Funktion der Komplexitätsreduktion (weil ich z.B. eher Links im Newsfeed sehe, die mich aufgrund der geistigen Nähe zu den Leuten meines Kreises auch interessieren).

Facebook liefert mit dem neuen Design einen Beitrag in Richtung „Verschlimmbesserung“ oder auch „wie man es nicht machen sollte“. Nach Herzberg scheint so ein Design ein typischer Hygiene-Faktor zu sein: wenn’s ok ist, sagt man nichts, aber wenn’s nicht ok ist, mault man rum.

Aber werden wir konkret:
früher hatte man auf der linken Seite oben den Facebook-Schriftzug, daneben Info-Felder für neue Freundschaftsanfrage, Nachrichten, Aktivitäten. Darunter kam gleich die Navigationsleiste.
Neu ist, dass der Schriftzug auf ein „f“ zusammengekürzt wurde, und die Aktivitäten auf der rechten Seite des Bildschirms sind. Klingt banal, aber das hat eine erhöhung der Komplexität zur Folge, weil das kleinere f schwerer als der Schriftzu zu treffen ist (beim Draufklicken gelangt man zur Standard-Ansicht), während man ständig den Cursor von einer Ecke zur andere bewegen muss, wenn man navigieren will. Das klingt banal, aber die Komplexität steigt durch höhere Mauswege und die Tatsache, dass man ständig hin und her schauen muss. Gerade im Zeitalter sich verbreiternder Bildschirme ist beides besonders lästig.
Für das „Warum“ dieses Vorgehens habe ich zwei Hypothesen: 1. ist auf der rechten Seite die ganze Werbung (wenn man keinen Werbeblocker drin hat), und offenbar erhofft man sich mehr Aufmerksamkeit für diese – FB-Werbung soll, wie ich gehört habe, bisher nicht so gute Wirkung erzielen, daher ist natürlich die Bemühung da, derartige Dinge auszugleichen. 2. könnte es sein, dass die Designer irgendwie ihren Job rechtfertigen müssen, weil irgendwann ist so eine Seite ja fertig-designt. Bei MySpace hat dieses Vorgehen zur massiven Abwanderung geführt, bzw. diese beschleunigt, weil das damals neue Design generell schlecht war, wahnsinnig lange zum Laden brauchte und auch vorher schon ständig diverse Buttons verschwanden und – mit etwas Glück – woanders wieder auftauchten.

Ein weiterer Faktor ist, dass ich ständig im Newsfeed Meldungen von Leuten sehe, mit denen ich absolut nichts zu tun habe. Ich frage mich dann immer, woher diese Meldung kommt, ehe ich ganz klein einen Schriftzug sehe, der mir sagt, dass irgendeiner meiner Freunde etwas kommentiert, geliked oder wasauchimmer hat. Früher habe ich daneben das Profilbild gesehen, weshalb die Meldung über die Aktion meines Freundes schon platztechnisch nicht zu übersehen war. Mir wurde also die Komplexität dadurch reduziert, dass ich blitzschnell in der Lage war, den Kontext einer Meldung einzuordnen. Dass ich das jetzt nicht mehr kann, sondern extra nachschauen muss, ehe ich die Meldung über den Kontext finde, erhöht mir die Komplexität. Zusätzlich kommt mir meine eigene Startseite total fremd vor, weil ständig fremde Meldungen dort stehen. Wenn ich bestimmte Filterfunktionen nutze, sind die Reduktionen auch nicht wirklich adäquat, weil mir dann wieder zu viele andere Dinge fehlen bzw. andere unwichtige Dinge bleiben. Ich werde also ständig mit unnötigen Informationen bombardiert – was wieder eine Erhöhung der Komplexität ist. Das Problem der Selektion, was letztlich ein Bewertungsproblem ist, ist ein Grundproblem im Internet. Hier allerdings wird es künstlich aufgebläht, weil ich (soweit ich weiß) z.B. nicht generell die Meldungen darüber abstellen kann, dass irgendeiner meiner Freunde etwas kommentiert hat. Ich kann es bestenfalls für jeden einzeln abstellen, über aufwändig zu erreichende Felder, und kann auch nicht selektieren, ob ich z.B. Kommentare, die bei gemeinsamen Freunden gemacht wurden, dennoch sehen will.

Ein weiterer Punkt ist, der dem gleichen Prinzip folgt: die Anzahl der Neuigkeiten, die mir neben den Gruppen, neuerdings auch neben dem Startseite-Button angezeigt wird, ist sehr schnell sehr hoch, weil FB auch banalste Trivialaktionen mitzählt (und mir somit als relevant suggeriert); z.B., dass irgendjemand in der Gruppe, den ich nicht kenne, irgendetwas geliked hat, womit ich nichts zu tun habe. Die Irrelevanz dessen müsste jedem Programmierer/Web-Designer einleuchten, aber offenbar liege ich hier falsch.

Das mehr und mehr eckige Design ist das Sahnehäubchen auf der Umwandlung, weil eckige Formen der Natur unähnlicher und somit für das menschliche Auge schwerer zu verarbeiten sein sollten (ganz sicher bin ich mir da auch nicht, aber es würde mich wundern, wenn es anders wäre).

So trivial diese ganzen Punkte auch klingen mögen, das sind die „Little Big Things“: wenn ich das Gefühl habe, dass der Anbieter nicht mitdenkt, sinkt für mich als Nachfrager die Attraktivität. Wäre das Design nie anders gewesen, würde das sicher nur wenigen auffallen und sich weniger stark auswirken, aber Verschlechterungen sind in einer Welt, die beständig Funktionen optimiert und sich viel darüber austauschen kann, ein empfindliches Thema.

Fazit: FB erhöht die externe Komplexität, zum Nachteil der User. Bisher ist das vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weshalb abzuwarten bleibt, ob z.B. durch schlechtes Feedback zurückgerudert wird (noch nicht alle sehen die neue Ansicht), oder ob man den Kurs beibehält. Meiner Erfahrung nach verschlechtern sich derartige Zustände immer mehr, wenn so ein Kurs ersteinmal eingeschlagen ist, weil zwischen dem Bild bzw. Bewertungssystem des Anbieters und dem des Nachfragers eine zu starke Diskrepanz besteht.

Es mag sicher bessere Beispiele für Komplexitätsreduktion geben, aber zu diesem fühle ich mich gerade inspiriert und ich habe außerdem die Brücke zwischen Psychologie und Wirtschaft geschlagen. 😉

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Veränderung

Hallo zusammen,

fast ein ganzes, erlebnisreiches Semester ist vergangen, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich – wenn überhaupt – dieses Blog eher als ein persönliches Blog weiterführen werde. Den wirtschaftlichen bzw. wirtschaftspsychologischen Teil werde ich entweder gesondert veröffentlichen, oder ausschließlich auf meinen neu aufgelegten Newsletter verlegen. In der ersten Ausgabe davon habe ich eine ganze Reihe systemischen Inputs zusammengefasst und kommentiert, da ich mich seit einem Jahr lose und seit Ende letzten Jahres intensiver mit dem systemischen Ansatz beschäftige. Wie ich den Newsletter weiterführe, werde mir noch genauer überlegen, vielleicht werden darin auch ein paar meiner Gedanken und Überlegungen zu bestimmten Themen innerhalb der Branche auftauchen.

Die Trennung von beidem, die ich vor nichteinmal einem Jahr noch abgelehnt habe, hängt auch damit zusammen, dass ich für ein unterschiedliche Publikum schreibe, und ich einfach merke, dass viele Menschen sich nicht mit tiefen seelischen Themen auseinandersetzen wollen, die aber an der Wirtschaft und an (man glaubt es kaum) Psychologie interessiert sind, ebenso wie ich viele Menschen kenne, die sich für seelische Dinge interessieren, allerdings bei Themen wie Management einfach nur Fragezeichen über dem Kopf haben, bzw. sich zur Flucht veranlasst sehen. Da gerade die methodischen Beiträge allerdings ein gewisses Hintergrundwissen erfordern, scheint es mir sinnvoll, diese Dinge zu trennen.

Beiträge im Bereich Wirtschaftspsychologie bleiben also nur online oder kommen ggf. noch hinzu, bis ich einen anderen Kanal dafür gefunden habe.

So geht’s also demnächst anders als vorher weiter, aber in irgendeiner Form geht es weiter. 🙂

Gehabet Euch wohl ~

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Die Psychologie des Heilens

Hallo zusammen,

ich habe gerade einen sehr interessanten Artikel gelesen, in dem es darum geht, dass in Krankenhäusern die Heilung oft auf der Strecke bleibt, weil die Gegebenheiten keine oder kaum zwischenmenschliche Beziehungen erlauben. Die Studie wurde von Eckart von Hirschhausen und 10 Psychotherapeuten durchgeführt, zusammen mit dem kölner rheingold-Institut.

rheingold betreibt hauptsächlich morphologische Marktforschung und hat den größten Namen in diesem Bereich. Die Studie ist ebenfalls online verfügbar, und wer Interesse an der tiefenpsychologischen Erforschung von Gesellschaftsphänomenen hat, dem kann ich die Studie wärmstens Empfehlen.
Außerdem kann man sich auf diese Art und Weise ein geeignetes von der Arbeit machen, die ein Wirtschaftspsychologe verrichten kann, wenn er an der Business School Berlin-Potsdam studiert hat.

In diesem Sinne: viel Spaß beim Bilden! 🙂

[Edit]: Beim rheingold-Institut war der Leiter meines Studiengangs, Prof. Dr. Armin Schulte, der Leiter der internen Weiterbildungsakademie, bevor er den Studiengang Wirtschaftspsychologie an der BSP einrichtete.

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Momentaufnahme (2)

Hallo zusammen,

mal wieder geht eine längere Zeit der Stille zu Ende. Viel ist passiert in den letzten Monaten, von Job- und Wohnungssuche über Prüfungen, zwischenmenschliche Probleme, Literatur und sogar einem Seminar während der Prüfungszeit. Inzwischen hat mein 5. Semester an der Business School Berlin Potsdam begonnen, und ich hoffe, trotz alldem, was jetzt schon ansteht, wieder mehr Zeit für’s Bloggen zu finden.

Heute gebe ich einen kleinen Einblick in das, was mich das Schreiben vernachlässigen ließ. Es mag zunächst nicht so aussehen, aber im Grunde ist das hier eine sehr psychologische Angelegenheit. Sie beruht nicht auf Theorien oder ähnlichem, aber durch die Selbstreflexion – auch die anderer Menschen – bekommt man ein Gespür für das, was in der Seele ablaufen und sich entwickeln kann. Insofern: viel Spaß beim Bilden! 😉
Zunächst ist wieder ein gewisses Maß an Bodenständigkeit eingekehrt. Wenn ich mir meine letzten Artikel durchlese, so stelle ich fest, dass sie sehr überheblich wirken. Wenngleich die grundsätzliche Kritik sinnvoll ist, so würde ich sie jetzt in völlig andere Worte fassen. Ich lasse das jetzt aber so stehen, immerhin ist das hier die Dokumentation einer Entwicklung.

Die Veränderung in meiner Haltung unter anderem damit zusammen, dass ich ein Seminar in Spiral Dynamics besucht habe, wo ich auf Menschen getroffen bin, die mir vieles voraus haben und von denen ich viel lernen kann, und die außerdem bereits erfolgreich in einer Branche oder auf eine Art arbeiten, die für mich von Belang ist. Außerdem wurde dort mein Input geschätzt, auch von Führungskräften eines großen Konzerns, die mehrere 100 Leute leiten – das ist auch eine sehr ermutigende Erfahrung.

Da ich mich in den Vorlesungen und Diskussionen durchgängig als sehr aktiv erlebe, fehlt mir oft der Widerstand, der mich auf den Boden der Tatsachen holt und der mir zeigt, dass es noch sehr viel mehr als das gibt, womit ich mich gerade beschäftige – und so viele Menschen, die mir etwas voraus haben.

Außerdem ist mir klar geworden, dass mein negatives Bild von den Menschen in der von mir anvisierten Branche meinen Zielen sehr hinderlich ist. So richtig weiß ich auch noch nicht, wie ich damit zukünftig umgehe, aber durch Reflexionen wie dieser, ob geschrieben oder nicht, gelingt es mir, meinen bisherigen Standpunkt stark zu relativieren.

Bisher sind es oft Extreme, die mein Verhältnis zu anderen Menschen (im Bereich Wirtschaft, Studium etc.) charakterisieren: wenn jemand viel weiß, viel sieht, mir viel voraus hat, bin ich extrem dankbar für seine Gegenwart und sehr wissbegierig und lernwillig, und ich empfinde solche Menschen als sehr positiv. Wenn ich aber den Eindruck habe, dass jemand, der sich in ähnlicher Weise wie ich betätigen will oder das tut, es ihm allerdings stark an Hintergrundwissen mangelt, welches für mich unverzichtbar ist, so sinkt diese Person stark in meiner Gunst. Wenn sie interessiert ist, ist das weniger der Fall, aber jemand, der desinteressiert wirkt, ist für mich kein Blick wert. Wenn ich aber länger hinschaue, so merke ich hin und wieder, dass an so mancher Person doch viel mehr dran ist, als ich zunächst vermutet hatte. Meine Kriterien sind hier derzeit offenbar nicht immer zielführend.

Ein weiterer Faktor meiner Persönlichkeitsentwicklung ist der Umstand, dass ich von 4 Noten in diesem Semester 3×1,0 und 1×1,7 habe. Die Noten fallen bei uns generell recht gut aus, aber für mich ist das insofern von Belang, als dass ich in den ersten beiden Semestern beständig schlechter als andere abgeschnitten habe (wenngleich immernoch sehr gut), obwohl ich den Eindruck hatte, meinen Kommilitonen alles andere als unterlegen zu sein. Die Tatsache, dass ich in jeder Vorlesung extrem engagiert bin, fördert dieses Bild zusätzlich. Wenn dann die Prüfungsergebnisse schlechter ausfallen, befördert das den Frust zusätzlich, den ich ohnehin schon so oft erlebe, weil es angepasste, aber wenige kompetente Menschen es in Bezug auf Jobsuche etc. weiter zu als ich zu bringen scheinen. Schlechtere Prüfungsnoten wirken dann umso mehr wie eine Verzerrung, die ich als ungerecht empfinde, da der 120%ige Einsatz in der Vorlesung zu 0% in die Note eingeht (und es auch nicht darf, laut Bologna).

Die Erfahrung, die Prüfungen ebenfalls an der Leistungsspitze abzuschließen, z.T. unter Umständen, die mich über die Note hinaus sehr bestärken, sorgt in mir für ein inneres Gleichgewicht – Leistung kann sich also lohnen. 😉

Was mir zusätzlich noch sehr geholfen hat, war der Prüfungsstress und die Art der Bewältigung: Nach den Vorlesungen kamen ersteinmal eine Reihe seelischer Themen hoch, wodurch die Prüfungsvorbereitung sich stark nach hinten verlagerte. Bevor es nicht unbedingt notwendig ist, streikt etwas in mir dann bei der Wissensaufnahme etc., erst recht, wenn die zu verarbeitenden Themen so heftig sind. Das war auch vor allem in den ersten beiden Semestern während der Prüfungsphase ein Problem. Ich halte es für wichtig, das zu schildern, da viele Menschen sich so einen Zustand, bzw. überhaupt die Existenz dessen, gar nicht vorstellen können.

Ich hatte also wenig Zeit und Nerven für die Prüfungsvorbereitung, doch genau das hat mir gezeigt, dass ich auch hiermit gut umgehen kann. Personalpsychologie wurde Opfer meines Desinteresses an der Herangehensweise, da wir nur Personalmanagement-Inhalte hatten, also entfiel hier die 1,7. Für die Vorbereitung auf Medienpsychologie hatte ich ca. 2 Stunden auf 2 Tage verteilt, aber ich bin in der Thematik offenbar dermaßen sattelfest, dass die Prüfung perfekt verlief. Es handelte sich um ein angenehmes, entspanntes Gespräch mit meinen Dozenten, was ich auch gerne noch länger ausgedehnt hätte – solche Prüfungen hätte ich gerne öfter. =)

Grundlagen der Organisation wurde während des einwöchigen Seminars geprüft, also entfiel das Lernen auf die Abende nach einem 9-18Uhr-Tag voller englischsprachigem Input. Hier war „Bulemielernen“ angesagt, allerdings verlangten die Prüfer anspruchsvollere Transferaufgaben – was das Prüfungsergebnis umso wertvoller machte. Auch hier war die Prüfung trotz des Anspruchs sehr locker und angenehm, da die Prüfer es waren. Sie haben etwas herumgescherzt, und ich konnte sogar während der Prüfung darauf einsteigen. Wenn ich vor den Dozenten stehe und mit ihnen interagiere, fällt mir die Prüfung extrem leicht, stelle ich fest.

Nach dem Seminar wollte dann noch eine Hausarbeit bis Terminabgabe geschrieben werden, was mir auch in knapp 12 Stunden gelang. Wie die Note sein wird, erfahre ich noch, aber allein die Bewältigung all dessen, noch dazu alles Dinge, für die ich große Leidenschaft hege, ist eine großartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte!

Das sind zunächst die (Zwischen-)Ergebnisse des seelischen Prozesses, in dem ich mich gerade befinde, und der viel Energie in Anspruch nahm und weiterhin nimmt. Es passierte noch wesentlich mehr in Bezug auf andere Dinge, darunter so „selbstverständliche Probleme“ wie Trennungsverarbeitung und die Begegnung mit den eigenen Schatten. Ich habe aber das Gefühl, dass das an dieser Stelle zu weit führt.

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Unfähige Psychologen? (2)

Hallo Reisende,

Einen weiteren Seitenhieb im Sinne des Gehirnjoggings verdient auch ein anderer Artikel auf „Wirtschaftspsychologie aktuell“, der im selben Newsletter wie der letzte, von mir kritisierte Artikel, angepriesen wird:

In diesem geht es darum, dass „überraschenderweise“ extrovertierte Persönlichkeiten in Bezug auf Führung und Zusammenarbeit enttäuschten, während eher neurotische Persönlichkeiten überzeugten – alles im Zuge einer langfristigen Zusammenarbeit. Hier wieder die abenteuerliche Eröffnung des Artikels:

„Extrovertierten wird häufig zugetraut, dass sie andere gut führen und mit ihnen zusammenarbeiten können.“

Wer sagt das? „Wird häufig zugetraut“ – das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die nichteinmal darlegt, wer hier jemandem etwas zutraut. Solch ein Schreibstil ist unterstes Niveau.
Schön übrigens, dass ich mich vorhin erst mit meinem Professor darüber unterhalten habe, dass sich Erfolg im Beruf und Führungsqualifikation nicht aus den Big Five ableiten lassen (zu denen Extraversion und Neurotizismus gehören). Lediglich Gewissenhaftigkeit hat eine schwache Korrelation mit beruflichem Erfolg (was immer man darunter verstehen mag).

Diese Informationen waren Teil meines Moduls „Allgemeine und Differenzielle Psychologie“ im 1. Semester. Normalerweise gibt es dafür getrennte Module in wesentlich größerem Umfang, allerdings sind diese Inhalte zugunsten der Kulturpsychologie in meinem Studium komprimierter. Umso vernichtender das Zeugnis, dass ich als in diesem Bereich nur oberflächlich ausgebildeter Student schon während des 1. Semesters mehr weiß, als eine Reihe von ausgebildeten Diplom-Psychologen, die auf dieser Website schreiben.

Auch darüber hinaus ist auch nicht zu belegen, dass eine gute Führungsperson extrovertiert ist, mir ist auch kein Beleg dafür bekannt. Mir ist allerdings von Fredmund Malik in Erinnerung geblieben, dass er ebenfalls keine Korrelation zwischen derartigen Persönlichkeitseigenschaften und guten Managern oder Führungspersonen ausmachen konnte.

Der Artikel verkauft also im Wesentlichen alten Wein in neuen Schläuchen, das Ergebnis überrascht wohl niemanden…

Nebenbei kann man noch Überschriften im Stile von „Gruppe A enttäuschte“ und darauffolgend „Gruppe B überraschte“ im Sinne des manipulativen Schreibens monieren. Hier wird eine Polarität aufgebauscht, zumal die betreffenden Wortgruppen noch fett geschrieben sind. In dem ganzen Artikel steht auch nur etwas vom relativen Verhältnis zwischen den beiden jeweiligen Polen und der vorher an den Haaren herbeigezogenen Erwartung, es finden sich aber keine absoluten Zahlen. Somit haben wir hier auch kein Ergebnis, was die tatsächlichen Ergebnisse in Relation zueinander setzt. Schlechte Wissenschaft, oder zumindest schlechte Berichterstattung. Die Studie selbst hätte man sich auch sparen können, da von vornherein klar ist, dass die Frage, ob jemand eher innen- oder außenorientiert ist, keine Aussage darüber trifft, wie gut jemand ein Team koordinieren kann.

Eine sehr abenteuerliche Redaktion schreibt hier offenbar.

Ich habe gerade beschlossen dass ich vorerst lassen werde, die Artikel dieser Redaktion derartig zu verreißen, denn der Aufklärung wurde nun genüge getan und es ist ja auch auf Dauer deprimierend, wenn ich das Gefühl habe, ständig die Arbeit von Dilettanten kritisieren. Das ist ein wenig, als würde ein Profigitarrist einem Anfänger zeigen, wieviel besser er ist – Ruhm ist damit nicht zu ernten.

Dass die Autoren einen Abschluss haben und damit trotz des offensichtlichen Nonsens, den sie hier betreiben, als kompetent gelten, während ich als Student auf diese Ehre noch zu warten habe bzw. gerade als Kulturpsychologe von dem Mainstream immer kritisch beäugt sein werde, ist zudem ein nicht minder deprimierender Faktor. Insofern heißt es also wieder, den Fokus auf die positiven Seiten des Lebens legen! 😉

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Unfähige Psychologen? (1)

Hallo Reisende,

gerade habe ich meinen Newsletter von „Wirtschaftspsychologie aktuell“ erhalten. Der erste Artikel, der dort angerissen wurde, bietet umgehend eine Steilvorlage in Fragen der kritischen Beurteilung – diesmal weniger in Bezug auf die wissenschaftlichen Methodik, als viel mehr in Bezug darauf, welche Schlüsse zumindest die Redaktion aus dieser Studie zieht. Aus irgendeinem Grund bietet mir „Wirtschaftspsychologie aktuell“ immer wieder viel mehr Vorlagen, als ich überhaupt verwerten kann (der Artikel über manipulatives Schreiben befasst sich auch mit deren Beiträgen). Interessanterweise lese ich sehr viel mehr Artikel beim Grenzwissenschaft-Blog, allerdings erlaubt man sich dort viel weniger Fehler in Bezug auf die Berichterstattung und Interpretation.

Wie dem auch sei: diesmal geht es um einen Fragebogen, der die Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von Wetterschwankungen erfasst. Hierzu wurden die Testpersonen angerufen und am Telephon zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt.

Schon ganz am Anfang kommt die erste Fehlinterpretation von Seiten der Redaktion:

„In einer großen US-amerikanischen Erhebung mit über eine Million Teilnehmern kam heraus, dass tägliche Schwankungen von Temperatur, Niederschlag oder Bewölkung keine Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit hatten. Es kann also ruhig weiterregnen.“

Man bemerke: die Rede ist hier von Wetterschwankungen, nicht von konstantem Regenwetter. Ich habe zwar keinen Kurs in Logik besucht, aber wenn ich das richtig sehe, liegt es in der Natur der Sache, dass es, wenn es weiterregnet, keine Wetterschwankungen gibt. Es regnet ja konstant. Was aber passiert, wenn es konstant regnet, wurde in dem Fragebogen offenbar gar nicht erfasst; zumindest wurde es aber nicht in diesem Artikel thematisiert.

Das ist meine Hauptkritik an dem Artikel, allerdings wird fröhlich weiterorakelt:

„Personen, die in wärmeren und sonnigeren Regionen wohnten, waren etwas zufriedener als jene in kälteren und wolkenreicheren Städten. Aber die Effekte waren äußerst klein und wohl nur deshalb zu finden, weil die Stichprobe so groß war. Deshalb gleich seinen Wohnsitz nach Florida zu verlagern, wäre also keine empfehlenswerte Maßnahme, um nachhaltig sein Leben zu verbessern.“

„…wohl nur deshalb zu finden“? Was ist das denn bitte für eine Interpretation? Wissenschaftlich haltbar ist sie nicht, daher ja auch das Wort „wohl“ in der Konstruktion. Auf welcher Basis erfolgt diese Annahme? Wenn ich in den Modulen Statistik und Quantitative Methoden richtig aufgepasst habe, bedeutet eine große Stichprobe eher eine Validierung der Ergebnisse, keine Infragestellung. Und ob es im konkreten Fall nicht doch für mich sinnvoll sein kann, wegen des schöneren Wetters nach Florida zu ziehen, kann die Redaktion doch gar nicht beurteilen. Hier wird also schonwieder orakelt. In einer Zeitung würde ich so eine Äußerung als „publizistische Freiheit“ betrachten. In einem „wissenschaftlichen“ „Fachmagazin“ aber nicht.

Witzigerweise wird am Ende die Kritik angebracht, dass man an sonnigen Tagen natürlich nicht per Telephon jene erreiche, die sich, über das schöne Wetter freuend, draußen befinden – durchaus berechtigt. Komisch wird es aber dann, wenn es kurz danach wieder heißt:

„Die Daten, die erhoben wurden, zeigen jedoch sehr deutlich, dass Wetterschwankungen die Antworten auf Zufriedenheitsfragen nicht beeinflussen.“

Natürlich zeigen die Daten das ja eben nicht, weil man eine – möglicherweise sehr immense – Störvariable in der Untersuchung hat. Wie kann man, wenn man wissenschaftlich und professionell arbeiten will, eine Kritik anbringen, die eine Untersuchung grundlegend in Frage stellt, kurz darauf aber einfach über diese Kritik hinweg wieder sagen, die Untersuchung sei relevant?

Klingt mir stark nach „Bild für Psychologen“.

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Mentales Training – Stärken stärken

Hallo liebe Reisende,

gestern hatte ich einen kurzen Dialog mit meinem ehemaligen Coachee, in dem er sagte, er würde an seinen Schwächen arbeiten. Er wirkt in seiner Stimme, wenn wir hin und wieder telephonieren, oft ein wenig kraftlos, demotiviert, und letztlich passt das sehr gut zu meinen bisherigen Erfahrungen – und zu einem Satz, der sich mir eingebrannt hat:

„Das, worauf Du Dich fokussierst, das wächst.“

Wenn wir uns auf unsere Schwächen fokussieren, wachsen sie und nehmen uns ein. Wir werden dann keine Kraft haben, um etwas zu erschaffen und unser Leben zu gestalten.

Eine schöne Übung aus dem Coaching ist deshalb, alles aufzuschreiben, was man an sich selbst mag und was eine eigene Stärke ist – und sich bei dieser Übung nur darauf zu fokussieren.
Wenn man diese Übung 1x im Monat macht, stellt man fest, wie viel mehr einem jedesmal einfällt.

Es geht nicht darum, Schwächen gänzlich „auszublenden“, wie viele dabei gerne unterstellen. Dies ist auch ein großes Missverständnis hinsichtlich der „Positiv Denken“-Schiene, was aber gern sowohl von deren Anhängern als auch deren Gegnern ignoriert wird. Sich der eigenen Schwächen bewusst zu sein – so konnte man schon vor 2500 Jahren bei Sun Tzu lesen – ist essentiell, um sich selbst einzuschätzen und um erfolgreich zu sein.

Worum es geht, ist ein grundlegender Fokus. Ich bin auch ein großer Fan davon, meine Schwächen in Stärken zu verwandeln. Das Gefühl der Entwicklung ist hier einfach ein sehr großes und großartiges. Aber die eigenen Stärken sind letztlich das, was uns ausmacht.
Wenn ich ein Haus bauen will, befasse ich mich ja auch nicht zunächst mit dem, was ich nicht bauen kann, sondern mit dem, was ich mit meinen Mitteln bauen kann. Die Erfahrungen damit ebnen meinen Weg, um mir weitere Kentnisse anzueignen.

Eine weitere schöne Übung ist auch das Erfolgstagebuch, zu dem mich mein E-Gitarrenlehrer Rayco damals anregte. Es geht darum, täglich mind. 5 Erfolge aufzuschreiben. Auch, wenn man sich zum Runterbringen des Mülls überwinden muss, dann ist das erledigen dieser Aufgabe ein Erfolg.
Für das Selbstwertgefühl ist so ein Erfolgstagebuch Gold wert; was man da genau notiert hat, ist – wenn es aufrichtig war – gar nicht mehr so wichtig, sondern wichtig ist das Trainieren der eigenen Gedanken hinsichtlich der Dinge, die uns Kraft geben. Ich bin zwar kein Experte in Neurologie, aber genauso, wie sich bestimmte Synapsenverbindungen schließen, wenn wir ein Instrument lernen, so dass uns das Spielen immer leichter fällt, kann – in der logischen Folge – unser Gehirn auch auf Erfolge trainiert werden.

Ebenso wichtig ist es natürlich, sich einen kritischen Blickwinkel anzutrainieren, aber hier gilt vor allem, sich nicht von dessen Sicht vereinnahmen zu lassen, da dies der Handlung stark entgegenstehen kann.

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