Selbstabschaffung

Mir lässt gerade ein Gedanke keine Ruhe, den ich sogleich aufschreiben muss. Ich war gerade auf einem Treffen mit Freunden und bin ehrlich entsetzt von dem, was mir dort widerfahren ist: einer, den ich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten getroffen habe, ist Physik-Student. Relativ zu Beginn unseres Treffens meinte dieser, dass es doch vollkommen in Ordnung sei, dass an den Hochschulen kaum Geld für Geisteswissenschaften da sei und diese immer öfter abgeschafft werden, da schließlich die Naturwissenschaften das Geld reinbringen.

Zunächst tut es mir regelrecht weh, einer derartigen Ignoranz leibhaftig zu begegnen. Ich kann die ganze Situation immer noch nicht fassen. Es ist, als würde vor mir jemand sitzen und mir erklären, dass die Erde eine Scheibe ist und das damit begründen, dass man mit dem bloßen Auge auf der Straße keine Wölbung erkennen kann.

Was mich daran aber wirklich entsetzt, ist, dass wir es als Gesellschaft versäumen, unseren Mitgliedern die Grundlagen des Denkens zu vermitteln, auf denen unsere Gesellschaft aufbaut. Das ist mir auch vor Kurzem im Studium begegnet, wo ich – in dieser Branche höchst unüblich – einem Gedanken begegnete, bei dem ich mich fragte, warum damit nicht jeder Mensch im Laufe seines Schullebens konfrontiert wird: es ist schlichtweg der Gedanke der Aufklärung. Die zahlreichen Naturwissenschaftler, die den Geisteswissenschaften immer mit der Arroganz der Ignoranz begegnen, könnten ihre Wissenschaft gar nicht betreiben, wenn es die Aufklärung nicht gegeben hätte – die wir vor allem den Geisteswissenschaften zu verdanken haben. Wer am Verdienst der Aufklärung Zweifel hat, muss nur einmal einen Blick in die Gegenden werfen, in denen es die Aufklärung nicht gab: überall dort ist ein viel größeres Maß an Willkürherrschaft und Korruption an der Tagesordnung und auch sozial akzeptiert. Nicht selten würde dort jede autonome Wissenschaft schon an religiösen und/oder politischen Hürden scheitern.

Die soziale Grundhaltung, die uns die Auflärung brachte, stammt vor allem von Denkern, die sich mit Philosophie, Geschichte oder z.B. auch der Literatur und Dichtkunst befassten. Also alles Dinge, die nach laut dem Maßstab vieler Naturwissenschaftler wegfallen können. Das ist wie in manchen Momenten von Kleinkindern, die sich ihre Eltern wegwünschen, weil sie ihnen ständig Beschränkungen auferlegen. Ihre noch sehr beschränkte Sichtweise ermöglicht es ihnen in jenen Momenten nicht, die übergreifenden Zusammenhänge ihrer eigenen Abhängigkeit zu erkennen.
Natürlich waren auch Leute wie Voltaire unter den Aufklärern, sich auch auf die Physik verstanden – nur dafür war Voltaire nicht bekannt. Die Grundfeste unserer Gesellschaft ist die Möglichkeit, allein um des Denkens Willen zu denken – ohne dies in den Dienst einer Institution stellen zu müssen, der dieses Denken zu dienen hat. Verschwindet dieser Grundgedanke aus der Gesellschaft, so muss dies unweigerlich in der Degeneration unserer gesellschaftlichen Errungenschaften enden. Eine freie Wissenschaft lässt sich nicht mehr betreiben, sobald ihre Existenzberechtigung sich aus ihrem (monetären) Nutzen ableitet. Das Argument, dass nur die Wissenschaften Bestand haben sollten, die das Geld ranbringen, offenbart eine Zuspitzung von Unverständnis über die Zusammenhänge, in denen wir in dieser Gesellschaft leben. Die Universität ist gar keine Institution, deren Priorität das Sichern von Einkünften ist, sondern eine, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung der Gesellschaft zu sichern hat.

Mit anderen Worten: es mangelt den Urhebern obiger Abschaffungsgedanken eben am Verständnis dessen, was sie als nutzlos ansehen. Der Psychologe würde hier eine Angst vor den Dingen vermuten, die der Betroffene selbst nicht versteht. Die Praxis bestätigt diese Hypothese häufig.
Die Verantwortung für diese gesellschaftliche Unmündigkeit müssen wir im Kollektiv suchen, das es offenbar nicht schafft, seinen Mitglieder zu vermitteln, dass es auch auf jene Dinge ankommt, die sich nicht quantitativ erfassen lassen bzw. die einen direkten Nutzen versprechen. Der Schluss, dass nur die Wissenschaft eine Existenzberechtigung habe, deren Leistungen sich in Geld bemessen lassen, impliziert doch, dass alles, was in der Gesellschaft zählt, 1. zählbar und 2. kaufbar sein muss. Und 3. muss es Kaufinteressenten geben. In so einer Gesellschaft sind Fachdisziplinen wie Philosophie und Geschichte tatsächlich überflüssig – aber nicht, weil sie gesamtgesellschaftlich keine Funktion hätten, sondern deshalb, weil sie den obigen Kriterien nicht entsprechen. Das ist ein Zirkelschluss. Der Wert dieser Disziplinen wird erst langfristig an ihrem Fehlen erkennbar – wenn nämlich niemand mehr in der Lage ist, sinnhafte Entscheidungen für die gesamte Gesellschaft zu treffen. Es würde mich wundern, wenn jene, die diese Abschaffung für gerechtfertigt halten, von deren Folgen verschont blieben. Die abgeschottete Welt des Zweckrationalismus wird erst dadurch möglich, dass es Menschen gibt, die sich mit der Welt in all ihrer Komplexität widmen – und damit den Naturwissenschaftlern den Rücken freihalten. Es zeugt von unüberwundener kindlicher Allmachtsphantasie, wenn ein kleiner Teilbereich der Gesellschaft glaubt, er wäre ohne den Rest besser dran.

Unsere Gesellschaft ist viel zu komplex, um jedem Output seinen direkten, proportionalen Input nachweisen zu können. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil das Ganze mehr (und anders) ist als die Summe seiner Teile. Das belegt auch die Synergetik – eine Meta-Wissenschaft, die sich – ironischerweise – aus der Physik ableitet. Wäre es so sinnvoll, den Wert einer Gesamtschöpfung – im Ausgangsbeispiel die Hochschullehre mit ihren verschiedenen Fächern – in direkter Form derartig zu bemessen, dann könnten wir in unserem Lieblingssong auch alles außer dem geliebten Catchy-Refrain weglassen. Wir freuen uns ja eh am meisten auf selbigen, wozu also den Rest behalten, auf den wir uns weniger freuen? Darauf freuen, dass der Refrain bald wieder an der Reihe ist, können wir uns nur in den Phasen des Liedes, in denen wir ihn gerade nicht hören. Er gewinnt seinen Wert dadurch, dass er sich vom Rest des Songs abhebt, aber gleichzeitig mit ihm verwoben ist. Wenn es immer nur auf das ankommt, was nach wie auch immer gearteten Krieterien „das Beste“ ist, warum hören wir dann unsere Lieblings-Songs und -CDs insgesamt, anstatt uns nur die schönsten Sekunden davon zusammenzuschneiden?

Würden alle Teile eines Ganzen für sich stehen und wäre eine Input-Output-Zuordnung der Teilleistungen sinnvoll, dann müssten wir konsequenterweise den Wert eines Gemäldes nach seiner Farbe, den Wert einer Skulptur nach dem Wert des Steines und den Wert eines Buches anhand von Tinte und Papier bemessen. Spätestens an dieser Stelle ist das zweckrationale Denken derart bis zur Kenntlichkeit entstellt, dass es selbst Zweckrationalisten unangenehm ist, ihre Philosophie hier weiterhin konsequent zu verfolgen.
Schlimmer noch: das zweckrationale, materialistische Denken befördert uns in einen Zustand, für dessen Überwindung die Aufklärung überhaupt erst stattgefunden hat: die Aufklärung war die Verteidigung gegen die Doktrin der Kirche, die jeden Gedanken für unwichtig hielt, der nicht unmittelbar zu ihrem Fortbestand einen Beitrag zu leisten hatte. Über die Daseinsberechtigung eines Gedankens entscheidet heute nicht mehr der Klerus, sondern der Markt – wir haben lediglich unseren Mythos  – bzw. Gott – ausgetauscht. Das Prinzip dahinter ist dasselbe geblieben. Dabei ist der Grundgedanke der Aufklärung, dass es möglich sein muss, Wissenschaft um der Wissenschaft zu betreiben – auch in der Physik galt vieles am Anfang als „nutzlose Spielerei“.

Jemand hat einmal gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Geschichte, Philosophie und andere Geisteswissenschaften dienen dazu, uns vor den Fehlern unserer Vergangenheit zu bewahren. Die unmittelbare Marktentscheidung ist die Doktrin von Spezialisten, die nicht nur nichts von den größeren Zusammenhängen in der Welt verstehen, sondern auf dieses Unverständnis auch noch stolz sind. Wir verspielen unsere gesamte Gesellschaft, wenn wir es dieser Art von Spezialisten und „Silo-Denkern“ überlassen, unsere gesamtgesellschaftliche Zukunft zu verantworten. Damit legen wir die Verantwortung für unsere Gesellschaft in die Hände derjeniger, die sie am aufgrund ihres Tunnelblickes am schlechtesten wahrnehmen können – das sind vor allem jene Entscheider in der Wirtschaft. Dass – im Sinne der „Unsichtbaren Hand“ nach Adam Smith – aus vielen einzelnen Nutzenmaximierern, die nur ihren eigenen Vorteil suchen, gesamtgesellschaftlich etwas entsteht, was für alle von Vorteil ist, ist ein Mythos. Wir erleben es schon in den Wirtschaftsbetrieben selbst, in denen tagtäglich das große Ganze in den Ressourcen-Kämpfen von Abteilungsleitern unter die Räder gerät. Man überlege sich, wieviel Energie allein in internen Machtkämpfen verschwendet wird. Laut unserer gängigen Wirtschaftstheorie müsste das Unternehmen von diesem selbstzersetzenden Verhalten profitieren. Würden wir das Hochschul-Beispiel auf ein Unternehmen übertragen, müsste ein rational geführtes sogar Unternehmen jede Funktion außer dem Verkauf abschaffen – alles andere frisst nur Geld, der Verkauf ist das einzige, was Geld reinbringt. Natürlich macht das niemand – selbst die ignorantesten Vertriebler eines Unternehmens verstehen, dass sie ohne die Produktion nichts zu verkaufen und ohne die Personalabteilung ihren Bonus nicht bekommen würden.

Wenn also jeder nur an seine Teilleistung denkt, denkt niemand für diese Gesamtqualität mit – mit anderen Worten: sie wird dem Zufall überlassen. Wer vollkommen gleiche Bedingungen für alle schafft (z.B. in Form der selben Schulbedingungen) hat zwar sichergestellt, dass im konkreten Einzelfall jeder gleich behandelt wird, aber in der Summe führt dies zur Ungleichheit, da die Voraussetzungen von jedem anders sind. Es ist wie in diesem Comic, was im Netz kursiert, wo jemand bei einem Test zu einer Reihe unterschiedlichster Tiere sagt: „Damit alle gleich behandelt werden, soll jeder von Euch auf diesen Baum klettern.“ Der Numerus Clausus ist ein derartiges Beispiel: Dadurch muss auch der Chemiker gut in Deutsch und der Philosoph gut in Mathematik sein, um studieren zu dürfen.
Es gibt im Leben nuneinmal direkte und indirekte Wege, direkten und indirekten Nutzen. Der Nutzen vieler Dinge entpuppt sich erst hinterher, manchmal Jahrzehnte später. Den Nutzen indirekter Wege direkt messen zu wollen, zeugt entweder von Naivität oder von Dummheit.
Man kann in einem Sytem viele Leistungen gar nicht in seinen einzelnen Teilen berechnen, denn wie oben erwähnt, ergibt sich der Wert vieler Leistungen erst aus dem Verbund mit den anderen. Deshalb ist es von vornherein sinnlos, eine kausale Analyse überhaupt in Betracht zu ziehen.

Wie will man es beziffern, wenn ein Politiker, in Kenntnis der Geschichte, sich in einem entscheidenden Moment dazu entschließt, einen neuen Weg einzuschlagen, anstatt das Drama vergangener Tage zu wiederholen? Würde sich darüber – spätestens dann, wenn dadurch eine globale Katastrophe verhindert würde – nicht auch der Naturwissenschaftler freuen, der von Beginn seines Studiums an der Meinung war, man müsse diese „überflüssige“ Wissenschaft „Geschichte“ abschaffen? Wie will man derartige Effekte zuordnen oder gar vorausberechnen? Mit Wahrscheinlichkeiten? Will man Wahrscheinlichkeiten dafür ausrechnen, um zu schauen, ob es sich lohnt, in den Fortbestand unserer Zivilisation zu investieren? Mir wäre jede Investition in eine noch so geringe Wahrscheinlichkeit recht, einen (atomaren) Krieg zu verhindern – oder auch nur die Verschlechterung des Bildungswesens. Wenn aufgrund von geschichtlicher Ignoranz oder aus einem Mangel an Menschenverständnis heraus ein neuer Krieg ausbrechen sollte, trösten sich dann die zweckrationalistischen BWLer, Naturwissenschaftler und andere Silo-Denker damit, dass man sich bis zu ihrem Ableben zumindest das Geld für die geisteswissenschaftlichen Fakultäten gespart hat?

Nichteinmal das könnten sie: was der Mangel an gesellschaftlichem Hintergrundwissen direkt bewirkt, sehen wir genauso selten, wie wir dessen unmittelbaren Nutzen sehen. Allerdings erfährt man als kulturgeschichtlich gebildeter Mensch in der Umwelt beinahe täglich die massiven Nachteile, die dem Mangel an eben diesem Wissen entspringen. Ich habe in Unternehmen schon unzählige Fehlschläge erlebt, die durch ein größeres Verständnis von Geschichte, Menschenkenntnis und kulturellen Zusammenhängen (also durch „akademischen Ballast“ und „unnötig gelesene Bücher“) hätten verhindert werden können – inklusive der daraus folgenden Unternehmenspleiten.
Steve Jobs hat einmal einen chinesischen Kalligraphie-Kurs besucht. Er selbst sagt, dass das, was er dort lernte, maßgeblich sein ästhetisches Empfinden geprägt hat (und damit indirekt sogar die Ästhetik der Schrift, wie Sie sie hier gerade lesen). Wären die heutigen Apple-Produkte ohne dieses Empfinden möglich gewesen? Ich bezweifle das stark. Man überlege sich aber – Kritik an Apple hin oder her – welcher volkswirtschaftliche Nutzen dadurch entstanden ist. Zweckrational betrachtet, hätte Jobs diesen Kalligraphie-Kurs niemals belegen dürfen: er hatte sein Geld für das Studium bereits sinnlos verschwendet und mit dem Kurs nur „Zeit vergeudet“, die er hätte mit der Suche nach Arbeit verbringen können. Und wirtschaftlich war die Entscheidung der betreffenden Hochschule auch nicht gerade, einen kostenlosen Kalligraphie-Kurs bei einem Meister dieses Faches anzubieten. Ohnehin lohnt es sich aus wirtschaftlicher Sicht absolut nicht, solche Fächer überhaupt anzubieten. Sie bringen kein Geld rein. Aus zweckrationaler Sicht ist Apple somit – samt der Beschäftigung zahlreicher Zweckrationalisten als Mitarbeiter – ein Unfall der Geschichte.

Was lernen wir daraus? Vielleicht gibt es ja doch Möglichkeiten, die Kosten zweckrationaler Ignoranz zu beziffern – in Form von Erfolgsstories und Firmenpleiten.
Historischen Gestalten, die Großes vollbrachten, etwas bedeuteten und Vorbild waren, waren immer jene, die in der Lage waren, das Leben als Ganzheit zu betrachten und den Wert des „Unnützen“ zu schätzen. Wer nur das wissen will, was unbedingt notwendig ist, begibt sich in geistige Armut. Und eine Wissensgesellschaft, die geistige Armut durchsetzt, schafft sich selbst ab. Das ist ein blinder Fleck in unserem materialistischen Weltbild.

Wenn alles, was dem Erhalt und Zusammenhalt der Gesellschaft dient, buchstäblich wertlos (weil nicht be-, ab- und verrechenbar) ist, heißt das dann nicht, dass in unseren Augen unsere gesamte Gesellschaft wertlos ist?

Advertisements

Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s