Komplexitätsreduktion

Hallo zusammen,

gerade fühle ich mich inspiriert, das Thema „Komplexitätsreduktion“ anhand des neuen Designs von Facebook zu illustrieren.

Grundsätzlich ist es ja so, dass wir in einer hochkomplexen Welt leben, und der Mensch – um es mit Peter Kruse zu sagen – deshalb das einzige Lebewesen ist, was vom Äquator bis zu den Polen überleben kann, weil er über ein hochkomplexes Netzwerk verfügt: das Gehirn. Um mit unserer Umwelt klar zu kommen, befinden wir uns permanent in einem Prozess der Komplexitätsreduktion, indem wir uns auf die (unserer Ansicht nach) wesentlichen Punkte konzentrieren, die eine Situation ausmachen. Ein Netzwerk – auch ein Soziales – hat also weithin die Funktion der Komplexitätsreduktion (weil ich z.B. eher Links im Newsfeed sehe, die mich aufgrund der geistigen Nähe zu den Leuten meines Kreises auch interessieren).

Facebook liefert mit dem neuen Design einen Beitrag in Richtung „Verschlimmbesserung“ oder auch „wie man es nicht machen sollte“. Nach Herzberg scheint so ein Design ein typischer Hygiene-Faktor zu sein: wenn’s ok ist, sagt man nichts, aber wenn’s nicht ok ist, mault man rum.

Aber werden wir konkret:
früher hatte man auf der linken Seite oben den Facebook-Schriftzug, daneben Info-Felder für neue Freundschaftsanfrage, Nachrichten, Aktivitäten. Darunter kam gleich die Navigationsleiste.
Neu ist, dass der Schriftzug auf ein „f“ zusammengekürzt wurde, und die Aktivitäten auf der rechten Seite des Bildschirms sind. Klingt banal, aber das hat eine erhöhung der Komplexität zur Folge, weil das kleinere f schwerer als der Schriftzu zu treffen ist (beim Draufklicken gelangt man zur Standard-Ansicht), während man ständig den Cursor von einer Ecke zur andere bewegen muss, wenn man navigieren will. Das klingt banal, aber die Komplexität steigt durch höhere Mauswege und die Tatsache, dass man ständig hin und her schauen muss. Gerade im Zeitalter sich verbreiternder Bildschirme ist beides besonders lästig.
Für das „Warum“ dieses Vorgehens habe ich zwei Hypothesen: 1. ist auf der rechten Seite die ganze Werbung (wenn man keinen Werbeblocker drin hat), und offenbar erhofft man sich mehr Aufmerksamkeit für diese – FB-Werbung soll, wie ich gehört habe, bisher nicht so gute Wirkung erzielen, daher ist natürlich die Bemühung da, derartige Dinge auszugleichen. 2. könnte es sein, dass die Designer irgendwie ihren Job rechtfertigen müssen, weil irgendwann ist so eine Seite ja fertig-designt. Bei MySpace hat dieses Vorgehen zur massiven Abwanderung geführt, bzw. diese beschleunigt, weil das damals neue Design generell schlecht war, wahnsinnig lange zum Laden brauchte und auch vorher schon ständig diverse Buttons verschwanden und – mit etwas Glück – woanders wieder auftauchten.

Ein weiterer Faktor ist, dass ich ständig im Newsfeed Meldungen von Leuten sehe, mit denen ich absolut nichts zu tun habe. Ich frage mich dann immer, woher diese Meldung kommt, ehe ich ganz klein einen Schriftzug sehe, der mir sagt, dass irgendeiner meiner Freunde etwas kommentiert, geliked oder wasauchimmer hat. Früher habe ich daneben das Profilbild gesehen, weshalb die Meldung über die Aktion meines Freundes schon platztechnisch nicht zu übersehen war. Mir wurde also die Komplexität dadurch reduziert, dass ich blitzschnell in der Lage war, den Kontext einer Meldung einzuordnen. Dass ich das jetzt nicht mehr kann, sondern extra nachschauen muss, ehe ich die Meldung über den Kontext finde, erhöht mir die Komplexität. Zusätzlich kommt mir meine eigene Startseite total fremd vor, weil ständig fremde Meldungen dort stehen. Wenn ich bestimmte Filterfunktionen nutze, sind die Reduktionen auch nicht wirklich adäquat, weil mir dann wieder zu viele andere Dinge fehlen bzw. andere unwichtige Dinge bleiben. Ich werde also ständig mit unnötigen Informationen bombardiert – was wieder eine Erhöhung der Komplexität ist. Das Problem der Selektion, was letztlich ein Bewertungsproblem ist, ist ein Grundproblem im Internet. Hier allerdings wird es künstlich aufgebläht, weil ich (soweit ich weiß) z.B. nicht generell die Meldungen darüber abstellen kann, dass irgendeiner meiner Freunde etwas kommentiert hat. Ich kann es bestenfalls für jeden einzeln abstellen, über aufwändig zu erreichende Felder, und kann auch nicht selektieren, ob ich z.B. Kommentare, die bei gemeinsamen Freunden gemacht wurden, dennoch sehen will.

Ein weiterer Punkt ist, der dem gleichen Prinzip folgt: die Anzahl der Neuigkeiten, die mir neben den Gruppen, neuerdings auch neben dem Startseite-Button angezeigt wird, ist sehr schnell sehr hoch, weil FB auch banalste Trivialaktionen mitzählt (und mir somit als relevant suggeriert); z.B., dass irgendjemand in der Gruppe, den ich nicht kenne, irgendetwas geliked hat, womit ich nichts zu tun habe. Die Irrelevanz dessen müsste jedem Programmierer/Web-Designer einleuchten, aber offenbar liege ich hier falsch.

Das mehr und mehr eckige Design ist das Sahnehäubchen auf der Umwandlung, weil eckige Formen der Natur unähnlicher und somit für das menschliche Auge schwerer zu verarbeiten sein sollten (ganz sicher bin ich mir da auch nicht, aber es würde mich wundern, wenn es anders wäre).

So trivial diese ganzen Punkte auch klingen mögen, das sind die „Little Big Things“: wenn ich das Gefühl habe, dass der Anbieter nicht mitdenkt, sinkt für mich als Nachfrager die Attraktivität. Wäre das Design nie anders gewesen, würde das sicher nur wenigen auffallen und sich weniger stark auswirken, aber Verschlechterungen sind in einer Welt, die beständig Funktionen optimiert und sich viel darüber austauschen kann, ein empfindliches Thema.

Fazit: FB erhöht die externe Komplexität, zum Nachteil der User. Bisher ist das vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weshalb abzuwarten bleibt, ob z.B. durch schlechtes Feedback zurückgerudert wird (noch nicht alle sehen die neue Ansicht), oder ob man den Kurs beibehält. Meiner Erfahrung nach verschlechtern sich derartige Zustände immer mehr, wenn so ein Kurs ersteinmal eingeschlagen ist, weil zwischen dem Bild bzw. Bewertungssystem des Anbieters und dem des Nachfragers eine zu starke Diskrepanz besteht.

Es mag sicher bessere Beispiele für Komplexitätsreduktion geben, aber zu diesem fühle ich mich gerade inspiriert und ich habe außerdem die Brücke zwischen Psychologie und Wirtschaft geschlagen. 😉

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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