Unfähige Psychologen? (1)

Hallo Reisende,

gerade habe ich meinen Newsletter von „Wirtschaftspsychologie aktuell“ erhalten. Der erste Artikel, der dort angerissen wurde, bietet umgehend eine Steilvorlage in Fragen der kritischen Beurteilung – diesmal weniger in Bezug auf die wissenschaftlichen Methodik, als viel mehr in Bezug darauf, welche Schlüsse zumindest die Redaktion aus dieser Studie zieht. Aus irgendeinem Grund bietet mir „Wirtschaftspsychologie aktuell“ immer wieder viel mehr Vorlagen, als ich überhaupt verwerten kann (der Artikel über manipulatives Schreiben befasst sich auch mit deren Beiträgen). Interessanterweise lese ich sehr viel mehr Artikel beim Grenzwissenschaft-Blog, allerdings erlaubt man sich dort viel weniger Fehler in Bezug auf die Berichterstattung und Interpretation.

Wie dem auch sei: diesmal geht es um einen Fragebogen, der die Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von Wetterschwankungen erfasst. Hierzu wurden die Testpersonen angerufen und am Telephon zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt.

Schon ganz am Anfang kommt die erste Fehlinterpretation von Seiten der Redaktion:

„In einer großen US-amerikanischen Erhebung mit über eine Million Teilnehmern kam heraus, dass tägliche Schwankungen von Temperatur, Niederschlag oder Bewölkung keine Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit hatten. Es kann also ruhig weiterregnen.“

Man bemerke: die Rede ist hier von Wetterschwankungen, nicht von konstantem Regenwetter. Ich habe zwar keinen Kurs in Logik besucht, aber wenn ich das richtig sehe, liegt es in der Natur der Sache, dass es, wenn es weiterregnet, keine Wetterschwankungen gibt. Es regnet ja konstant. Was aber passiert, wenn es konstant regnet, wurde in dem Fragebogen offenbar gar nicht erfasst; zumindest wurde es aber nicht in diesem Artikel thematisiert.

Das ist meine Hauptkritik an dem Artikel, allerdings wird fröhlich weiterorakelt:

„Personen, die in wärmeren und sonnigeren Regionen wohnten, waren etwas zufriedener als jene in kälteren und wolkenreicheren Städten. Aber die Effekte waren äußerst klein und wohl nur deshalb zu finden, weil die Stichprobe so groß war. Deshalb gleich seinen Wohnsitz nach Florida zu verlagern, wäre also keine empfehlenswerte Maßnahme, um nachhaltig sein Leben zu verbessern.“

„…wohl nur deshalb zu finden“? Was ist das denn bitte für eine Interpretation? Wissenschaftlich haltbar ist sie nicht, daher ja auch das Wort „wohl“ in der Konstruktion. Auf welcher Basis erfolgt diese Annahme? Wenn ich in den Modulen Statistik und Quantitative Methoden richtig aufgepasst habe, bedeutet eine große Stichprobe eher eine Validierung der Ergebnisse, keine Infragestellung. Und ob es im konkreten Fall nicht doch für mich sinnvoll sein kann, wegen des schöneren Wetters nach Florida zu ziehen, kann die Redaktion doch gar nicht beurteilen. Hier wird also schonwieder orakelt. In einer Zeitung würde ich so eine Äußerung als „publizistische Freiheit“ betrachten. In einem „wissenschaftlichen“ „Fachmagazin“ aber nicht.

Witzigerweise wird am Ende die Kritik angebracht, dass man an sonnigen Tagen natürlich nicht per Telephon jene erreiche, die sich, über das schöne Wetter freuend, draußen befinden – durchaus berechtigt. Komisch wird es aber dann, wenn es kurz danach wieder heißt:

„Die Daten, die erhoben wurden, zeigen jedoch sehr deutlich, dass Wetterschwankungen die Antworten auf Zufriedenheitsfragen nicht beeinflussen.“

Natürlich zeigen die Daten das ja eben nicht, weil man eine – möglicherweise sehr immense – Störvariable in der Untersuchung hat. Wie kann man, wenn man wissenschaftlich und professionell arbeiten will, eine Kritik anbringen, die eine Untersuchung grundlegend in Frage stellt, kurz darauf aber einfach über diese Kritik hinweg wieder sagen, die Untersuchung sei relevant?

Klingt mir stark nach „Bild für Psychologen“.

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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