Unfähige Psychologen? (2)

Hallo Reisende,

Einen weiteren Seitenhieb im Sinne des Gehirnjoggings verdient auch ein anderer Artikel auf „Wirtschaftspsychologie aktuell“, der im selben Newsletter wie der letzte, von mir kritisierte Artikel, angepriesen wird:

In diesem geht es darum, dass „überraschenderweise“ extrovertierte Persönlichkeiten in Bezug auf Führung und Zusammenarbeit enttäuschten, während eher neurotische Persönlichkeiten überzeugten – alles im Zuge einer langfristigen Zusammenarbeit. Hier wieder die abenteuerliche Eröffnung des Artikels:

„Extrovertierten wird häufig zugetraut, dass sie andere gut führen und mit ihnen zusammenarbeiten können.“

Wer sagt das? „Wird häufig zugetraut“ – das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die nichteinmal darlegt, wer hier jemandem etwas zutraut. Solch ein Schreibstil ist unterstes Niveau.
Schön übrigens, dass ich mich vorhin erst mit meinem Professor darüber unterhalten habe, dass sich Erfolg im Beruf und Führungsqualifikation nicht aus den Big Five ableiten lassen (zu denen Extraversion und Neurotizismus gehören). Lediglich Gewissenhaftigkeit hat eine schwache Korrelation mit beruflichem Erfolg (was immer man darunter verstehen mag).

Diese Informationen waren Teil meines Moduls „Allgemeine und Differenzielle Psychologie“ im 1. Semester. Normalerweise gibt es dafür getrennte Module in wesentlich größerem Umfang, allerdings sind diese Inhalte zugunsten der Kulturpsychologie in meinem Studium komprimierter. Umso vernichtender das Zeugnis, dass ich als in diesem Bereich nur oberflächlich ausgebildeter Student schon während des 1. Semesters mehr weiß, als eine Reihe von ausgebildeten Diplom-Psychologen, die auf dieser Website schreiben.

Auch darüber hinaus ist auch nicht zu belegen, dass eine gute Führungsperson extrovertiert ist, mir ist auch kein Beleg dafür bekannt. Mir ist allerdings von Fredmund Malik in Erinnerung geblieben, dass er ebenfalls keine Korrelation zwischen derartigen Persönlichkeitseigenschaften und guten Managern oder Führungspersonen ausmachen konnte.

Der Artikel verkauft also im Wesentlichen alten Wein in neuen Schläuchen, das Ergebnis überrascht wohl niemanden…

Nebenbei kann man noch Überschriften im Stile von „Gruppe A enttäuschte“ und darauffolgend „Gruppe B überraschte“ im Sinne des manipulativen Schreibens monieren. Hier wird eine Polarität aufgebauscht, zumal die betreffenden Wortgruppen noch fett geschrieben sind. In dem ganzen Artikel steht auch nur etwas vom relativen Verhältnis zwischen den beiden jeweiligen Polen und der vorher an den Haaren herbeigezogenen Erwartung, es finden sich aber keine absoluten Zahlen. Somit haben wir hier auch kein Ergebnis, was die tatsächlichen Ergebnisse in Relation zueinander setzt. Schlechte Wissenschaft, oder zumindest schlechte Berichterstattung. Die Studie selbst hätte man sich auch sparen können, da von vornherein klar ist, dass die Frage, ob jemand eher innen- oder außenorientiert ist, keine Aussage darüber trifft, wie gut jemand ein Team koordinieren kann.

Eine sehr abenteuerliche Redaktion schreibt hier offenbar.

Ich habe gerade beschlossen dass ich vorerst lassen werde, die Artikel dieser Redaktion derartig zu verreißen, denn der Aufklärung wurde nun genüge getan und es ist ja auch auf Dauer deprimierend, wenn ich das Gefühl habe, ständig die Arbeit von Dilettanten kritisieren. Das ist ein wenig, als würde ein Profigitarrist einem Anfänger zeigen, wieviel besser er ist – Ruhm ist damit nicht zu ernten.

Dass die Autoren einen Abschluss haben und damit trotz des offensichtlichen Nonsens, den sie hier betreiben, als kompetent gelten, während ich als Student auf diese Ehre noch zu warten habe bzw. gerade als Kulturpsychologe von dem Mainstream immer kritisch beäugt sein werde, ist zudem ein nicht minder deprimierender Faktor. Insofern heißt es also wieder, den Fokus auf die positiven Seiten des Lebens legen! 😉

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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