Andere entwickeln?

Hallo Reisende,

gerade lese ich Fredmund Maliks Standardwerk „Führen Leisten Leben“. Die Einleitung und der 1. Teil gefallen mir schonmal sehr gut, aber bevor ich Empfehlungen ausspreche, werde ich ersteinmal weiterlesen. Bei einem unwillkürlichen Blick nach vorn sah ich das Kaptitel „Menschen entwickeln“. Sowas wie „ich entwickle Menschen“ habe ich in den letzten Monaten öfter vernommen, und ich empfinde diesen Standpunkt als undifferenziert, im Grunde sogar anmaßend, deshalb möchte ich hier eine kleine, aber feine Unterscheidung anbieten:

Nicht „ich“ entwickle „andere“, egal, ob ich Führungskraft, Coach, Trainer, Therapeut oder was auch immer bin. Entwickeln können sich andere nur selbst, das ist ihre eigene Aufgabe im Leben. Wie soll ich mir das sonst vorstellen? Leuten eine Pistole auf die Brust setzen und sagen: „Los! Entwickle Dich!“ Das halte ich für einen Irrglauben. Und er dürfte willkommen sein, kann sich doch der Betroffene darin wohl fühlen, die Verantwortung abzugeben, indem er sagt: „Mein Chef hat mich nicht entwickelt!“ oder „Mein Coach ist unfähig, er konnte mich nicht entwickeln.“

Nein, das kann kein Coach, und jeder, der das behauptet, ist bestenfalls im Irrtum, schlimmstenfalls ein Scharlatan. Dazwischen gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich anerkennend auf die Schulter klopfen und sagen: „Den habe ICH entwickelt.“ Das ist nichts weiter als eine sublimierte Form des Allmachtswunsches.
Die Realität ent-täuscht uns aber jeden Tag von dieser Illusion. Die Arbeit, die meine Entwicklung mit sich bringt, bleibt immer bei mir und meiner freien Entscheidung. Wenn ich mich nicht entwickeln will, kann niemand etwas dagegen tun. Es gibt Menschen, ja ganze Gesellschaften, die sich lieber für Tod und Untergang als für Entwicklung entschieden. Keine noch so große Gefahr von außen konnte ihnen die Entwicklung „entlocken“ oder aufoktroyieren.

Ein Sprichwort aus Sambia verdeutlicht das sehr gut:

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Wir können aber einen Garten bereitstellen, in dem das Gras sehr gut gedeiht.
Unser Einfluss auf die Entwicklung anderer Menschen erstreckt sich lediglich darauf, Ihnen Impulse zu geben, und ein Umfeld, in dem die Entwicklung, die bei ihnen ansteht, optimal gedeihen kann. Dieses Feld jedoch ist ein sehr großes und anspruchsvolles,  die Verantwortung eine sehr hohe – kein Grund, sich auch noch mit der Arbeit zu belasten, die andere zu leisten haben,  ja, die nur sie leisten können.

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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