Reiseepisoden

Hallo zusammen,

diesmal berichte ich ein paar episodenhafte, anachronistischen Reiseendrücke aus Avalon bzw. von einem Tag in Swansea.

* * *

Nun ist der vierte Tag auf der verrückten Insel bis zur Mittagszeit fortgeschritten. Gerade befinden wir uns im walisischen Swansea in einem recht interessanten Hotel – dem Premiers Inn – welches ein geschmacklich etwas fragwürdiges, aber dennoch in sich stimmiges Konzept verfolgt. Mich fasziniert hier in Britannien vor allem, wie sehr man sich hier um seine Gäste bemüht. Das äußert sich in unterschiedlicher Art und Weise, im Premiers Inn z.B. kann man alles Mögliche dazubuchen, und wird darauf hingewiesen, dass man jederzeit diese oder jene Änderung problemlos vornehmen könne, man müsse nur bescheid geben. Die Nacht selbst kostet nur 29 Pfund, also recht wenig, erst recht für die gute Ausstattung, und den restlichen Komfort kann man beliebig dazubuchen. Nun bin ich in Deutschland selten im Hotel, quasi gar nicht, aber auch im Restaurant vermisse ich eine solche Service-Mentalität.

Heute morgen im George Pilgrim, einem uralten Hotel in Avalon, welches im 15. Jh. gebaut wurde, sprach mich der Kellner mit „Sir“ an. Auch die „übertriebene“ Höflichkeit ist etwas, was sehr ungewohnt, aber auch sehr angenehm ist. Ich glaube, dass diese Dinge, diese „Little Big Things“, wie Tom Peters sie nennt, einen sehr großen Unterschied machen: selbst, wenn das Hotelzimmer nicht in allen Punkten perfekt ist, aber wenn dafür der Service stimmt, dann neige ich eher dazu, über solche Dinge hinwegzusehen.

* * *

Wie im Artikel über britische Kuriositäten beschrieben, tue ich das offenbar wirklich. Und sicher nicht nur ich. Ich frage mich, warum eine solche Service-Mentalität in Deutschland nicht üblich ist. Vielleicht wollen sich Deutsche seit der Umerziehung nicht mehr derartig hofieren lassen. Viele Menschen mit einem Minderwertigkeitskomplex wehren so ziemlich alles ab, was sie aufwertet.

Wie dem auch sei, hier sind ein paar weitere Reiseepisoden:

Amber, mit der ich hier bin, hörte heute eine deutsche Touristin ihren Mann fragen: „Warum sind denn hier so viele fünfeckige Sterne, Gerhard?“
Glastonbury ist keine Touristenhochburg, sondern Wallfahrtsort für alle Religionen (inklusive Hindus), vor allem aber für heidnische Religionen jeder Art – da ist das Pentagramm quasi allgegenwärtig.
Jemanden anzutreffen, der offenbar dermaßen uninformiert ist, ist wirklich ungewöhnlich. Auf der anderen Seite zeigt das auch, wie vertraut hier jedermann mit vielfältigen Seiten, Zeichen und Symbolen verschiedenster Religionen ist. Wenn man sich hier damit nicht auskennt, fällt man auf.
Mit der Kleidung ist es ähnlich: es ist schwer, mit Kleidung aufzufallen, da viele hier in Roben und Ähnlichem herumlaufen.

* * *

Unsere dritte Nacht verbrachten wir in einem der ältesten Gebäude Glastonburys, im „George and Pilgrim“. Von hier aus sah Heinrich VIII auf die wenige Meter entfernte, brennende Abbey, während er den letzten Abt mit zwei von dessen Mönchen aufhängen ließ. Wir bekamen das letzte freie Zimmer – das Zimmer neben dem obigem. Inzwischen versperren allerdings Häuser die Sicht auf die Abbey. Angeblich befindet sich der Geist eines Mönches in diesem Gebäude, und jemand will auch schonmal einen spukenden Ritter hier gesehen haben. Ob er das mit der Ritterrüstung verwechselt hat, die im Eingangsbereich steht? Sie sieht ein wenig so aus wie der Schwarze Ritter in „Die Ritter der Kokusnuss“.

Man merkt dem Gebäude sein Alter an: der knarzende Holzboden ist hier noch am wenigsten ein Indiz. Viel auffälliger sind die sich schief absenkenden Trägerbalken – und der ebenso schiefe Boden. Alles strebt in Richtung Gebäudemittelpunkt. Selbst die uralten Schränke wirken, als hätte sich ihr Holz aufgrund der permanent schiefen Position schon dauerhaft verzogen. Der Teppich im Eingangbereich, in dem sich auch ein kleiner Pub befindet, erinnert mich mit seinem Geruch an die Zeiten, in denen ich noch mit meiner Band im versifften Proberaum eines Jugendclubs geprobt habe. Den Jugendclub gab es dort schon zu DDR-Zeiten – den bierdurchtränkten Teppich unter dem Schlagzeug sicher auch.

Unser Zimmer im George and Pilgrim war ca. 35qm groß, also schon fast eine Suite. Amber bezog das Bett an der Außenwand, ich eines, welches mit dem Kopfende die Wand zum legendären Nebenzimmer berührt. Wir gehen unserer Wege in der Stadt, am Abend treffen wir uns vor einem Pub. Amber geht etwas zu trinken holen, und ich werde von einer Frau zwei Tische weiter angesprochen, deren Mann gerade etwas holen gegangen ist. Wir halten ein wenig Smalltalk, besprechen, woher wir sind, mein Studium, dass sie im „George and Pilgrim“ nächtigt, wie lange wir bleiben, die tollen Energien hier usw. Bei der Frage, was demnächst ansteht, erwähne ich die Fahrt nach Wales. Sie fragt nach, ob es „Wales“ oder „Wells“ sei. Ich sage „Wales“. Sie entscheidet sich, „Wells“ zu verstehen, sagt, dort sei es großartig, aber Wales…sie setzt eine abfällige Mimik auf. Von derartigen Konflikten zwischen Engländern und Walisern hatte ich schon gehört. Ich entschließe mich, das nicht weiter zu thematisieren. Ich bin ja sonst jedem Konflikt gegenüber aufgeschlossen, aber mit Wildfremden in einer fremden Sprache heikle Themen diskutieren – nicht, wenn ich mich entspannen will. Amber kommt zurück, nach ein paar oberflächlichen Sätzen mit der unbekannten Londonerin auch deren Mann, und wir widmen uns wieder unseren jeweiligen Begleitern.

Am Abend sitzen Amber und ich im Hotelzimmer, unterhalten uns und lesen. Kurz nach 10 kommen Bewohner des Heinrich-VIII-Zimmer heim und fangen an, sich lautstark bei noch lauterer Mainstream-Pop-Musik zu unterhalten. Nach 15-20min gehe ich rüber und frage, ob sie die Musik leiser machen würden, da wir nebenan jedes Wort hören würden.
Der Mann zeigte sich unkompliziert und kooperativ, und ich verschwinde wieder in mein Zimmer.
War das nicht der Mann von der Frau im Café?
Kurze Zeit später hören wir nebenan eine laute, erregte – und äußerst vertraute – Stimme, von der wir nur die Worte „…too loud?!?!“ vernehmen, ehe wir hören, wie sich die Nebentür öffnet, und die Dame an unsere Tür donnert. Wir beschließen, nicht zu öffnen. Irgendwann zieht sie offenbar ab und fängt an, heftig mit ihrem Mann zu diskutieren.

Vielleicht sollten wir uns schuldig fühlen. Zumindest ihrem Mann gegenüber. Während ich schlief, so erzählte mir Amber, waren aus dem Nebenzimmer noch stundenlang Gesprächsfetzen zu hören, unter anderem Dinge wie „…Du schreibst mit anderen Typen und glaubst, ich kriege das nicht mit?!“

Vom Spuken in dem Hotel habe ich nichts mitbekommen, im feinstofflichen Bereich. Wenn aber der Spuk in jene Leute neben mir gefahren sein sollte, so muss ich jenen, die davon berichten, wirklich sehr stark beipflichten.

Interessant ist auch, dass ich mich während meiner Nacht dort besonders gut an meine Träume erinnern konnte, ich hatte bestimmt 4 bis 5 verschiedene, z.T., nachdem ich aufwachte und wieder einschlief. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber hier war es, als ginge es gar nicht anders. Irgendwas ist in diesem Haus eben doch anders.

Advertisements

Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
Dieser Beitrag wurde unter Erfahrungsberichte abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Reiseepisoden

  1. Lorfuin schreibt:

    Das mit der Höflichkeit ist so ne Sache! Hier in Deutschland gibt es auch sehr viele höfliche Menschen, je nachdem in welchen gesellschafftlichen Kreisen man Unterwegs ist oder in welcher Region man lebt. Vergleich nur mal Berlin mit München, das ist ein rießiger Unterschied in Mentalität und Höflichkeit. Wenn du dann auch noch in besser betuchten Kreisen in München unterwegs bist ist das auch nochmal ein großer Sprung.
    Ich denke das es in England nicht anders ist als wie bei uns, vielleicht mehr Etikette wegen dem Adel noch, aber es wird sicher einen Unterschied geben zwischen London und Manchester.

    • elassius schreibt:

      Stimmt, Berlin ist wahrscheinlich keine besonders repräsentative Referenz für die Höflichkeit in Deutschland. Ein Londoner sagte mir bei meiner letzten Reise hierher am Frühstückstisch, dass wir uns in London im Hotel z.B. nicht so locker unterhalten würden.
      Aber was ich meine, geht über reine Höflichkeit hinaus: hier Glastonbury habe ich das Gefühl, dass die Menschen aufrichtig höflich sind. In anderen Orten war das zwar nicht immer der Fall, aber trotzdem scheinen z.B. die Leute, die als Gastgeber oder im Service arbeiten, Dein Wohlbefinden als ihren Job anzusehen, während es mir in Deutschland so erscheint, dass „Gastgeber“ im gewerblichen Sinne lediglich bedeutet, Verträge abzuschließen und gerade das Nötigste zu ihrer Erfüllung zu tun.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s