Ankunft in Glastonbury

Hier bin ich nun, angekommen in Bristol, sitze am Flughafen in einem Café und habe soeben meine heiße Schokolade ausgetrunken. Nach lesen ist mir gerade nicht, auch, wenn ich es versuche – 80 Seiten Quantenphysik und Paralleluniversumstheorien reichen meinem Kopf wohl für einen Tag.

Was indes meiner Sinne vordergründige Eindrücke sind, sind die vielfältigen Unterschiede zu meiner heimischen Kultur. Hier gilt wie überall: man kann alles, was man sieht, zu dem Schluss führen, dass wir letztlich alle recht gleich sind, gerade in einem ähnlichen Kulturkreis. Gleichzeitig ließe sich aber auch beobachten – erfühlen – wie anders alles ist.

Wer mal etwas von Feldtheorien im physikalischen Sinne, oder auch von morphischen Felder oder der tiefenpsychologischen „Wirkungseinheit“ (nach Wilhelm Salber) gehört hat, wird mich verstehen, wenn ich schreibe, dass ich sehr stark das Gefühl habe, in einem „anderen Feld“ zu sein – im britischen Feld. Das Gefühl, hier zu sein, entzieht sich gerade einer detaillierten Beschreibung, aber es ist auf merkwürdige Art und Weise vertraut – das war es schon beim ersten Mal, aber diesmal ungleich mehr.

Mehr als sonst stelle ich fest, dass der kulturpsychologische Blick und diesbezügliche Überlegungen immer mehr Teil meiner Persönlichkeit werden. Als ich in das Café kam, sah ich auf einem Flachbildschirm in der Ecke einen Mann in Anzug, vor einem Fussballfeld stehend. Er wurde offenbar interviewt. An diesem Punkt wurde mir der unterschiedliche Umgang bewusst, den Engländer (oder Briten? Ich kenne bisher nur die Engländer etwas näher) und Deutsche in vielen Dingen haben. Es war eher eine Art Geistesblitz: das Leben auf der Insel und in nicht allzu hoher Bevölkerungszahl scheint die kollektive Psyche stark anders zu gestalten: es kommt nicht sehr viel Heterogenität hinein, alles hat etwas recht Provinziales. Aber gut, ich war noch nicht in London oder anderen, größeren Städten, mein Blickwinkel ist ein recht begrenzter, bisher. Trotzdem würde ich sagen, dass z.B. der Umgang mit Fussball hier ein völlig anderer ist: ich habe das Gefühl, in Deutschland ist nicht der Fussball selbst Nationalsport, sondern eher das Zusehen bei der Nationalmannschaft. Gelegentlich auch mal ein wichtiges internationales Endspiel auf der Vereinsebene. Ein merkwürdiges Phänomen: sobald es um die Eroberung geht, sind hierzulande alle dabei und feiern, feuern an. Es ist ein Volksereignis. Vielleicht wie damals, als die Nachrichten von der Front kamen, die natürlich stets positiv waren. Auf mich wirkt das wie ein unterschwelliges Abarbeiten eines gescheiterten kollektiven Traumes. Klingt abwegig? Mitnichten. Das Thema des Zweiten Weltkrieges wird hierzulande zwar ununterbrochen be-, jedoch selten verarbeitet. Fussball hingegen ist eine Möglichkeit, in sozial anerkannter und akzeptierter Weise solche Themen durchkommen zu lassen. Die Fussballbegeisterung zu besonderen Anlässen mag sicher universell sein – das, was in der jeweiligen Kultur damit mitschwingt, kann sehr unterschiedlich sein.

Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass ich keine kulturpsychologische Untersuchung gemacht habe. Bin ich abgeschwiffen? Ich denke nicht. Die Worte fließen in diesem Moment einfach aus mir heraus, und die Konfrontation und partielle Integration in eine andere Kultur bewirken einfach einen anderen Blick auf die eigene.

Ich muss sagen, dass mir dieses provinzielle irgendwie gefällt. Es ist anders als die deutsche, französische oder österreichische Art der Provinzialität. Aber irgendwie habe ich hier das Gefühl, in einer Einheit zu sein, in einem Volk, welches eine starke gemeinsame Identität hat.

Das ist sogar sehr plausibel, wenn man bedenkt, dass auf deutschem Boden stets stark verfeindete Stämme kämpften, verfeindete Lager sogar einst 30 Jahre lang, während Kriege auf englischem Boden meist einen anderen Hintergrund hatten: in England, bzw. in Britannien, griffen oft Mächte von Übersee an, die es zurückzuschlagen galt. Es gab in der Geschichte zwar auch Schlachten, die zwischen Engländern und Schotten oder Engländern und Walisern ausgetragen wurden, jedoch war die englische Vormachtstellung dadurch nie ernsthaft bedroht. In erbitterte, langwierige Kriege artete es auch nie aus, dafür fehlten einfach Menschen und Material, während es genug gemeinsame Feinde gab.
In der Antike waren die Berge von Wales ein häufiger Rückzugsort für das gesamte Inselvolk (bzw. jene, die rebellierten), vor allem gegen die Römer. Interessanterweise scheint diese Einheit durch die Tatsache, dass sich später auf der Insel Sachsen und Angeln breit machten, diesem Einheitsgedanken kaum ein Abbruch zu tun – im Gegenteil: von nun an heißt es wieder: „Wir auf der Insel gegen die vom Festland“. Ich glaube, diese geographische Barriere, die Britannien vom Festland trennt, lässt sich nicht stark genug betonen.

Ein Beispiel: Berlin hat einen Stadtteil Namens Spandau. Dieser ist durch einen Kanal deutlich vom Rest der Stadt abgegrenzt – und die Spandauer sehen sich in der Tat bis heute, nach über 100 Jahren Integration, nicht als Berliner. Das manifestiert sich sogar noch in der Sprache: Fährt ein Spandauer „in die Stadt“ (was sonst kein Berliner sagen würde, denn in Berlin wohnt man immer in der Stadt, selbst dann, wenn man schon fast außerhalb wohnt), so meint er damit die Spandauer Altstadt, in der Einkaufszentrum und -passage ist. Fährt ein Spandauer in einen anderen Stadtteil von Berlin, so sagt er klar „Ich fahre nach Berlin“.

***

Das sind die Gedanken, die mir hier am Flughafen kamen, und es fühlt sich richtig an, sie aufzuschreiben und in der Form ins Netz zu stellen, obwohl ich ihn nicht am Flughafen fertig schreiben konnte. Das hätte ich nachholen können, aber nun, nach 5 Tagen hier in Britannien, ist das Gefühl ein anderes, somit lasse ich den Artikel lieber unfertig und dafür authentisch. =)

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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2 Antworten zu Ankunft in Glastonbury

  1. Jan schreibt:

    Joa, den Eindruck habe ich auch, dass die ländlichen Engländer sich viel stärker als ein Volk verstehen und der Zusammenhalt ausgelebt wird…

    Allerdings haben wir in Steglitz/Lankwitz auch „ich fahre in die Stadt“ gesagt, das ist kein reiner Spandauer Satz. „Ich fahre nach Berlin“ kenne ich dagegen auch nicht von Berlinern, interessant dass sie das so sagen. Das höre ich nur von Potsdamern, Hennigsdorfern und so 😉

    • elassius schreibt:

      Interessant, das mit „in die Stadt“ fahren ist mir völlig unbekannt, selbst von Leuten, die von weiter draußen kamen. Ein Köpenicker hat mich inzwischen übrigens darauf hingewiesen, dass es auch bei ihm Leute gibt, die sagen, sie würden „nach Berlin“ fahren. Passt ja auch, zwischen Köpenick und dem Rest von Berlin ist ziemlich viel Wald. 😉

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