Manipulatives Schreiben – Ein Fallbeispiel

Hallo zusammen,

im 1. Semester hatte ich in dem Modul „Allgemeine und Differenzielle Psychologie“ am Rande ein paar interessante Inhalte, die für das Thema „manipulatives Schreiben“ relevant sind.

Einmal bezieht es sich auf die Forschung von Paul H. Thibodeau und Lera Boroditsky in Bezug auf Metaphern: in einem Experiment wurden zwei Gruppen von Teilnehmern damit beauftragt, einen Artikel über die zunehmende Kriminalität in einer (eigentlich fiktiven) Stadt zu lesen. Anschließend sollten sie Lösungen für das darin geschilderte Problem entwickeln. Der Unterschied zwischen den Gruppen: dem ansonsten identischen Text wurden zwei unterschiedliche Metaphern vorangestellt. Die eine verglich die zunehmende Kriminalität mit einem wilden Tier, die andere mit einem Virus, was immer mehr Menschen infiziert hätte. Dementsprechend waren die Lösungsansätze: die Gruppe mit der Tier-Metapher entwickelte eher Bekämpfungsstrategien, die Gruppe mit der Krankheitsmetapher entwickelte eher Präventionsstrategien. Stellte man die Metaphern allerdings hintenan, so blieb der Effekt (wenig überraschenderweise) aus. (Diesen Effekt wollte ich hier aufführen, allerdings ist er in den Beispielen unten nicht vertreten)

Der zweite Effekt, den ich hier aufführen will, ist nicht aus manipulativem Schreiben heraus analysiert worden, lässt sich allerdings dafür verwenden. Es handelt sich um die Forschung von Elizabeth Loftus, welche sich mit der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen befasst. Loftus hat festgestellt, dass z.B. die Schätzung in Bezug auf die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs davon abhängt, ob der Zeuge gefragt wird, wie schnell die Autos fuhren, als sie „aufeinandertrafen“, oder, wie schnell sie fuhren, als sie „ineinander krachten“. Letztere Variante führte zu deutlich höheren Schätzungen, was die Geschwindigkeit der Fahrzeuge angeht, da „krachen“ ja unbewusst eine erhöhte Geschwindigkeit impliziert.

Ausgerüstet mit diesen Hintergründen schauen wir uns zwei Artikel aus „Wirtschaftspsychologie aktuell“ näher an:

Im ersten Artikel unter der Überschrift „Führungskräfte wollen Vorbild sein, handeln aber zuweilen entgegen ihrer Moral“ (Waren Überschriften nicht immer die kurzen und prägnanten Wortkonstruktionen?) geht es um eine Befragung, in welcher Führungskräfte auf die Frage: „Hatten Sie im Berufsalltag schon einmal den Eindruck, entgegen Ihrer persönlichen Überzeugung handeln zu müssen?“ zu 6% mit „Nein“, zu 11% mit „Ja“ und zu 82% mit „manchmal“ antworteten. Klingt an sich ersteinmal unverdächtig, bis der Leser auf das Resümee trifft:

Bei der großen Mehrheit klafften also Dienstpflicht und Überzeugung bzw. Wertesystem auseinander.

Dieser Schluss ist letztlich nicht nur eine „rhetorische Aufpolierung“, sondern eine grob fahrlässige Verdrehung der Studienergebnisse. Aber der Reihe nach:

Der rhetorische Kniff bezieht sich auf den zweiten der oben aufgeführten Effekte, man beachte hierzu die Formulierung „klafften…auseinander“. Das suggeriert allein durch die Bildhaftigkeit einen massiven qualitativen Unterschied, der durch die erhobenen Daten in keinster Weise untermauert wird. 11% definitiver Bejahung ist gegenüber 6% von Ablehnung keine sonderlich hohe Mehrheit, erst recht im statistischen Maße signifikant. Die Metapher allerdings erzeugt eine derartige Vorstellung in unseren Köpfen, scheinbar gestützt durch weitere 82% der Führungskräfte, die mit „manchmal“ antworteten. Diese Interpretation ist allerdings hochgradig dubios, denn nichteinmal die Häufigkeit der Verstöße gegen die eigenen Grundsätze wird erhoben. „Ja“ und „manchmal“ sind substituierbare Angaben. Es wird aber nichts in Bezug auf die Kontinuität, die Häufigkeit und die Schwere der Entscheidungen damit erhoben. Als Leser der Studie weiß ich nicht, ob es hier darum geht, dass die Führungskraft  die 5-minütige Verspätung eines Mitarbeiters ahnden muss, obwohl sie das als übertrieben empfindet, oder ob hier im 2-stelligen Millionenbereich Sicherheitssysteme eingespart werden, deren Mangel später hunderte von Menschen das Leben kosten kann.
Das ist, als würde man jedem, der Alkohol trinkt, unterstellen, dass er ein Säufer ist.

Hier sind noch andere Fragen im Argen, doch belassen wir es vorerst bei der bildhaften, im obigen Sinne beinahe metaphorischer Suggestion, die sich im Kopf des Lesers wesentlich besser als bloße Fakten festsetzt – erst recht, wenn diese „Fakten“ zum besagten Thema keine Aussage treffen.

Einen Absatz später geht der Spaß übrigens weiter:

6 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass sich ihr „Vorgesetzter überwiegend moralisch fragwürdig verhält“. 33 Prozent sagten, das sei ab und zu der Fall. (…) Damit beklagten fast 40 Prozent das moralisch zweifelhafte Verhalten ihres unmittelbaren Vorgesetzten.

„Beklagen“? Nur, weil ich in einem Fragebogen „ab und zu“ oder auch „überwiegend“ ankreuze, habe ich mich noch nicht beklagt. Ob jemand sich darüber beklagt, wird in dem Fragebogen gar nicht erfasst. Es klingt aber wesentlich spektakulärer, so, als hätten wir es hier mit unhaltbaren Missständen zu tun. Das Wort „beklagen“ schiebt also den 33% derer, die es vielleicht durchaus gelassen nehmen, wie ihr Chef sich verhält, die Rolle von Menschen zu, die durch dieses Verhalten systematisch in der Erfüllung ihrer Aufgabe oder ihrem persönlichen Lebensglück beeinträchtet sind.
Für mich klingt „beklagen“, als hätten tausende von Mitarbeitern in Unternehmen verschiedenster Branchen dem Studienleiter täglich die Bude eingerannt, um sich über die moralische Fragwürdigkeit ihrer Chefs zu aufzuregen. Der arme Mann war vermutlich völlig überfordert und hat in aller Eile einen passenden Fragebogen zusammengestellt.

 

Der zweite Artikel, den ich hier aufführe, behandelt das Thema: „Doping am Arbeitsplatz“

Hier springt uns die „unglückliche“ Formulierung schon im zweiten Satz entgegen, welcher sich auf das Thema der Überschrift bezieht:

Es ist nur bei ein bis zwei Prozent der Erwerbstätigen oder Studierenden in Deutschland verbreitet, beileibe also kein Massenphänomen.

Hier haben wir es gleich mit einem doppelten „Tuning“ zu tun: ersteinmal wird im Sinne von Loftus hier das Wort „verbreitet“ verwendet. Wie kann man im Kontext von 1-2% aller erwerbstätigen Menschen von „verbreitet“ reden? Bildhaft stellt sich in meinem Kopf etwas anderes dar, als nur eine kleine, nahezu irrelevante Randgruppe, mit der ich in meinem Unternehmen kaum zu tun habe, wenn von „Verbreitung“ die Rede ist. Ich denke da an ein sich ausdehnendes Phänomen, welches in epedemischen Ausmaß immer weiter um sich greift, oder zumindest schon weite Teile der Bevölkerung erfasst hat.
Schon das dritte und vierte Wort danach bilden den zweiten Kniff, welcher sich der Hintertür unseres Bewusstseins bedient: „kein Massenphänomen“. Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber wenn von 1-2% „Verbreitung“ die Rede ist, kommt mir eine Menge in den Sinn, nur nicht „Massenphänomen“, nichteinmal negierend. Bei einer erhöhten Medienpräsenz des Themas könnte man vielleicht noch darauf kommen, diesen Gedanken beim Leser (ggf. präventiv) zu negieren, aber wenn im Artikel über ein Nischenthema von „kein Massenphänomen“ die Rede ist, so ist das auf informativer Ebene vollkommen obsolet. Nicht aber, wenn man das Thema aufbauschen will – dann ist diese Methode astrein, quasi ein nahezu perfekter Mord: man versieht das entsprechende Wort mit vorangehender Negierung – doch genau jetzt steht dieses Wort ersteinmal im Raum, obwohl vorher nie jemand daran gedacht hätte, es in diesem Kontext zu verwenden!
Das ist, als würde man in einer Personaldiskussion über einen der weniger präferierten Bewerber sagen: „Also nicht, dass Herr Willichnicht inkompetent wäre…“ Vorher stand das Wort „inkompetent“ gar nicht im Raum, doch jetzt ist es da und sogleich mit Herrn Willichnicht konnotiert. So schnell wird er das auch nicht wieder los. Einige von Euch kennen vielleicht das Prinzip unseres Unbewussten, dass Negierungen unvorstellbar sind. Denke nicht an Gummibärchen! Bloß nicht an Gummibärchen denken! Denkt dran, unter gar keinen Umständen an süße, bunte Gummibärchen denken!
Und, woran denkt Ihr gerade?

Fazit: hier mussten die Redakteure offenbar eine gewisse „rhetorische Zurechtstutzung“ vornehmen, um eine praktische Relevanz für die angesprochenen Themen zu suggerieren – immerhin will ja auch die Nachrichtenseite eines (durchaus lesenswerten) Fachmagazins gut gefüllt sein.

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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