Teamwork?

Hallo zusammen!

Teamwork. Teamplayer. Teamorientiert. Teamgeist.

Mindestens eines davon findet sich in jeder Stellenausschreibung. Die Forderung danach ist schon derartige Routine, dass jeder Bewerber selbstverständlich angibt, darüber zu verfügen. Derartige Routinemechanismen führen in aller Regel dazu, dass über den Inhalt der Worte gar nicht mehr nachgedacht wird: weder über die Bedeutung dessen, noch über die Frage, ob man eine derartige Forderung erfüllen kann.

In aller Regel scheint sich fast niemand etwas unter Teamarbeit vorstellen zu können. Was ich allenthalben beobachte, ist, dass fast niemand im Team mit anderen arbeitet. Die meisten Menschen agieren recht gedankenlos und unstrukturiert, wenn ihnen eine Aufgabe gestellt wird. Unternehmungen, Verantwortung zu delegieren, scheitern oft schon im Kern. Offenbar wollen alle immer vor allem sitzen und über alles Entscheiden. Die Folge: nichts geschieht richtig, endlose Diskussionen, weil sich niemand traut, die Zügel aus der Hand zu geben oder das, was im Raum steht, einfach mal so stehen zu lassen, anstatt es immer wieder und wieder zu zerpflücken und zu verändern. Oft geschieht die Verschlimmbesserung, bevor die Idee überhaupt fertig formuliert ist. Viele Ideen, die einzelne vorbringen, werden im Keim erstickt, erdrückt von endlosen Zweiflern und Skeptikern, die dem sicher eine Chance gegeben hätten, hätte ihr gegenüber die Möglichkeit gehabt, auszureden – oder wären sie einfach nur bereit, sich auf den anderen einzulassen und gar einzuräumen, dass dieser davon mehr Ahnung hat, selbst, wenn das nicht im Lebenslauf steht. Was ist dagegen einzuwenden, dass einige Menschen am besten allein arbeiten und ihren besten Beitrag für das Team leisten, indem man sie einfach in Ruhe machen lässt – in dem Wissen und Vertrauen, dass das, was sie dort tun, schon richtig ist, und man ihnen besser dabei nicht in die Quere kommt.

In Wahrheit sucht niemand Teamplayer. Werder Teamplayer befördert? In aller Regel nicht. In der Regel werden jene befördert, die als einziger die Leistung des Teams als die ihre präsentieren können. In der Personalauswahl werden auch keine Teamplayer gesucht, sondern es werden Leistungstests etc. gemacht, sowie nach Schema F interpretierte Rollenspiele und Teamaufgaben arrangiert, bei denen die Erfinder in der „guten Absicht“, den Anwendern jeden Denkvorgang abzunehmen, indem sie ihnen vorgefertigte Interpretationsvorlagen an die Hand geben. Dass sich in unterschiedlichen Zusammenhängen, die sich z.T. auch nur in den Köpfen der Bewerber anspielen, die Aufgaben und Umstände ganz anders darstellen, ist in Schema F nicht vorgesehen.

Als Folge wird Person X mit Wert Y in Eigenschaft Z ausgesucht, denn der „objektive“ Test sagt, dass sie für die Stelle einfach perfekt ist. Dummerweise sagt Wert Y nichts über die Begeisterung für die Firma und ihr Produkt aus, und ob sie in das Team passt, in welches sie eingegliedert werden soll.

Auf diese Weise wird kein Team geschaffen, sondern ein Haufen Einzelkämpfer, die zufällig zusammen im selben Raum sitzen (nicht, dass an Einzelkämpfern etwas falsch ist!). Ich zumindest habe nur sehr selten erleben dürfen, ob in Schule, Beruf oder Studium, dass ein Teammitglied ein anderes darüber informiert, was es nun zu tun gedenkt – erst recht nicht, wenn diese Frage für den Rest des Teams relevant ist! Man könnte sich ja unerwünschterweise abstimmen… Zugegeben, ich persönlich übertreibe es manchmal mit den Abstimmungshandlungen, doch davon trägt ein Team kein Schaden davon – von einem Informationsmangel schon.
Da die meisten Teams nach „objektiven“ Kriterien an jeden Einzelnen erstellt werden, im besten Fall sogar noch so, dass alle das gleiche gelernt und den gleichen Hintergrund haben, bleibt dabei die Teamfrage, also die Frage nach sozialen Beziehungen völlig außen vor.

Reinhard K. Sprenger schreibt in seinem neuen Buch „Radikal führen“ die sehr beipflichtenswerte Aussage, dass nicht 11 Weltklassespieler den Pokal holen, sondern ein Weltklasse Team. Ein Praxisbeispiel dafür lieferte kürzlich eine mir sehr nahe stehende Person, mit der ich auch das Leid meines hohen Interesses und Engagements für meine Berufung (und somit mein Studium) teile.

Als Schülerin wurde sie im Sportunterricht immer als letzte in ein Team gewählt, was weniger ihrer sportlichen Leistung, sondern eher der „Uncoolness“ ihres hohen Bildungsgrades und ihrer hohen moralischen Integrität geschuldet war. Einmal sollte sie jedoch selbst ein Team zusammenstellen. Hierbei suchte sie sich nicht die „objektiv Besten“ heraus, wie jeder „vernünftige“ Mensch das tun würde. Sie entschied sich für die, die am besten miteinander harmonierten (wofür man auch ersteinmal ein Auge haben muss!). Der Sportlehrer quittierte diese, aus seiner Sicht völlig wahnwitzige, Zusammenstellung mit einem „Na, Dich lassen wir in Zukunft nicht wieder wählen.“ Das Ergebnis? Turniersieg. Ernüchterung. Vor allem beim Lehrer. Um dieses gegen alle Naturgesetze verstoßendes Phänomen in irgendeiner Weise in sein Weltbild integrieren zu können, wurde dieser Umstand merkwürdige, einmalige Kuriosität abgetan. Einmalig vor allem deshalb, weil meine Freundin nicht noch einmal wählen durfte.

Abgesehen davon, dass wir hier wieder Zeuge des Phänomens werden, dass Ausnahmen von der Regel durch den beschränkten Horizon vieler Menschen mit billigen Erklärungen abgetan werden, anstatt sie zu erforschen, ist die Botschaft dieser Begebenheit klar: ein durchschnittliches, aber harmonisches Team kommt weiter als eine lose Ansammlung von Spitzenkräften. Das ist zwar eigentlich überaus logisch, da ein geschlossenes Ganzes immer stärker ist als ein Haufen kleiner Teilmengen, aber offenbar scheint bei einer solch einfachen Übung in Sachen „Um die Ecke denken“ für die meisten Menschen, vor allem (Personal-)Manager, schon Ende Gelände zu sein. Wie soll das auch gehen? Man kann es nicht in einem 2-dimensionalen Ursache-Wirkungs-Modell abhandeln. Damit ist es 1. völlig unvorstellbar und 2. völlig unmöglich!!! (2. vor allem aufgrund von 1.) Es ist mit unseren gegenwärtigen Methoden nicht erfassbar. Da unsere Methoden aber per Definition perfekt sind, da nur sie Auskunft über die „Objektive Wirklichkeit“ geben, muss die Wirklichkeit falsch sein! Klare Sache.

[Edit] Mir kommt gerade in den Sinn, dass ja so mancher ein Beispiel aus dem Sportunterricht einer Schule als trivial ansehen oder es zumindest implizit als minderwertigen Hinweis abtun könnte. Diese Gefahr dazu besteht aber vor allem, weil wir die Schule gegenüber dem Berufsleben als irrelevant ansehen, vor allem, weil wir jene, die dorthin gehen, von uns nicht ernst genommen werden.
Das Funktionsprinzip bleibt ist aber genauso wie sonst auch. Wer das nicht glaubt, der sei auf das Buch „Auf der Suche nach Spitzenleistungen“ von Peters und Waterman hingewiesen. Dort beobachten sie, dass die erfolgreichsten Großunternehmen über ebenso durchschnittliche Mitarbeiter verfügen, wie andere Unternehmen auch, allerdings schaffen sie es, durch ihre Art der Organisation überdurchschnittliche Ergebnisse zu erzielen. Das Buch werde ich hier später ausführlich behandeln. [/Edit]

Also nochmal zusammengefasst: ein durchschnittliches Team schlägt eine lose Ansammlung Spitzenkämpfer. Am liebsten ist mir persönlich natürlich ein Team aus heterogenen Spitzenkräften, aber das ist eine andere Geschichte und somit ein kommender Eintrag. 😉

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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