Das erste Semester

Hallo zusammen,

ich war ein wenig nachlässig mit diesem Blog, auch in Bezug auf das Studium, und nun möchte ich ein wenig davon nachholen und hier ein kleines Fazit für das erste Semester ziehen.

Das erste Semester beinhaltete die Module „Allgemeine und differenzielle Psychologie“, „Wissenschaftliches Arbeiten“, „Qualitative Methoden“ sowie Einführungsmodule für Wirtschaftspsychologie, Volkswirtschaftslehre sowie Statistik.

Zunächst stelle ich fest, dass täglich 3 Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln ziemlich anstrengend sind, wenn man sich nicht adäquat abzuschirmen weiß. Wir nehmen so viele Milliarde unbewusste Prozesse pro Sekunde wahr, und in der Bahn sind wir sehr vielen Prozessen anderer ausgesetzt, die wir vielleicht nicht bewusst, wohl aber unbewusst wahrnehmen, und das kann auf die Stimmung schlagen. Also ist es notwendig, sich einen Ausgleich zu suchen.

Einen Teil dieses Ausgleiches boten die Vorlesungen selbst, an denen ich immer sehr enthusiastisch teilgenommen habe. Die einzige Ausnahme war die Einführung in die Statistik, die zum einen nicht viel Möglichkeit dazu bot, zum anderen schien der zuständige Dozent sich zwar darin verpflichtet zu fühlen, zu dozieren, aber nicht, zu vermitteln. Kritik am Vorlesungsstil wurde mit dem Verweis auf die langjährige Tätigkeit abgewiesen, und wir Studenten (viele von uns kommen ja auch nicht direkt von der Schule und sind durchaus gestandene Leute) wähnten uns im falschen Film.

Ansonsten waren jedoch sämtliche Dozenten und Professoren sehr enthusiastisch bei der Arbeit und es hat sehr viel Spaß gemacht, die Zeit in den Vorlesungen verbringen zu dürfen. Vielleicht war ich manchmal mit meinen Vorprägungen ein wenig zu anstrengend für die Dozenten, auf jeden Fall aber für meine Kommilitonen, da ich mich zu so ziemlich jeder Frage gemeldet habe und irgendetwas dazu zu sagen hatte, fast immer etwas Sinnvolles, würde ich sagen.

Ein interessanter Aspekt kam mir in der Einführung in die VWL unter: mein Prof. legte dar, dass Italien einst eine Kleinstsumme von privaten Konten abzwackte, um den Staatshaushalt zu sanieren (und die Schulden/Zinsen an die Banken zu zahlen). Auf meinen Einwand, dass eine private Bank auf diese Art und Weise an das Privatvermögen der Bürger herankommen könne, wusste er auch keine Antwort. Auch die Skizzierung des Wirtschaftskreislaufes, bei dem alle vorhandene Geldmenge perfekt aufgeht, geht nur so lange auf, wie es keine Zinsen gibt. Der Einwand meines Profs, dass dies im Folgejahr möglich sei, da durch die Wertneuschöpfung (woher auch immer) neues Geld käme, mit dem man das bezahlen könne, geht insofern nicht auf, als dass für das neu ausgegebene Geld ja auch neue Zinsen verlangt werden. Der einzige Ort, an dem Geld ausgegeben wird, ist die Bank (Geldschöpfungsmonopol). Und die Bank verlangt Zinsen. Seine Antwort: er glaube das nicht.

Hier scheinen wir dem Kern, dass unsere Wirtschafts- und Finanzordnung ein Glaubenssystem ist, sehr nahe zu kommen.

Ansonsten muss ich sagen, dass ich auch von meinem Prof in VWL sehr begeistert bin. Besonders sein Enthusiasmus und seine Begeisterung, die er an seine Studenten vermittelt, ließen das sonst als so trocken verrufene Fach äußerst interessant und spannend erscheinen (und das ist es noch heute für mich).

Allgemeine und differenzielle Psychologie hat sehr viel Spaß gemacht, weil unser Professor, der vorher auch als Wissenschaftsjournalist tätig war, neben den Fakten auch die Anwendung und Meinungsbildung auf Basis der Fakten lehrte. Selbst, wenn er seine eigene Meinung darlegte, fügte er vorsichtig mit an, dass dies nur eine Ansicht sei und wir diese nicht übernehmen müssten.

Inhaltlich ging es, wie der Name vermuten lässt, vor allem um Dinge, die uns alle beeinflussen und denen wir allen unterliegen, sowie Abstufungen. Es wurden uns viele Experimente und Studien vorgestellt, in Bezug auf Intelligenz, Gefühle etc. Das meiste davon findet sich in einem recht unterhaltsam geschriebenen Buch, auf das ich später noch verweise.

Was mich an meinem Prof auch sehr begeistert hat: er war (und ist!) stets offen und dankbar für neue Denkansätze, Informationen und Methoden, was das Einbringen in die Vorlesung umso spannender gemacht hat. Außerdem besitzt er die großartige Fähigkeit, mir die quantitative (also statistische) Psychologie als etwas sehr Spannendes und Sinnvolles zu erklären. Eine Haltung, die bei uns (und auch für mich inzwischen) nicht selbstverständlich ist, da ich meine Zweifel daran habe, dass sich die Qualitäten der Psyche durch Mathematik darstellen lassen.

Die andere Module befassten sich vor allem mit der qualitativen Natur der Psychologie, ihrer Geschichte (und der Geschichte der Wissenschaft). In „Qualitative Methoden“ z.B. schrieben und interpretierten wir eine Menge Erlebensprotokolle. Hier wird alles festgehalten, was einem zu einem Thema einfällt, was man in Bezug darauf empfindet etc. Man schreibt letztlich einfach drauf los und lässt kommen, was kommt. Man kann auch vom Thema abweichen, da dies Teil des Prozesses ist, sollte aber das Hauptthema trotzdem im Blick behalten. Man glaubt gar nicht, wie spannend das Thema „Tanken“ oder „Trinkwasser“ sein kann, und unser Studiengangsleiter stellte uns eine Menge Studien vor, die er in der Praxis (mit)erstellt, und welche die Tiefenpsychologie als äußerst spannend erscheinen lassen.

In Bezug auf die Präsentationsprüfung hatte ich eine nicht zu gering einzuschätzende Auseinandersetzung mit dem Modulleiter, da ich (bei weitem nicht allein!) viele Unstimmigkeiten im Aufbau des Moduls und in Hinblick auf die Prüfungen hatte, bzw. auch der Ablauf und die Bewertung für mich viel Transparenz vermissen ließ. Interessanterweise konnte sich studiengangs- und hochschulübergreifend so ziemlich jeder in meine Lage versetzen. Vielleicht fehlt es an adäquaten Bewertungsmethoden für Vorträge, wobei eine unklare Kommunikation bzw. Umsetzung der Richtlinien sicher nicht nur in meinem Fall für allgemeinen Unmut gesorgt hat. Selbst in der DDR hat sich der Dozent damals zunächst ein Meinungsbild vom Kurs eingeholt, und das damalige System steht ja im Grunde frei vom Verdacht der Mitbestimmung.

Solche Konflikte sind offenbar auch Teil des Studentenlebens, und das, obwohl sie sehr einfach zu vermeiden wären. Meine impulsive Natur zeigte sich hier sogar in einem sogar mir bisher unbekannten Ausmaß, was in einer gefühlsablehnenden Gesellschaftsordnung natürlich ziemlich hinderlich ist.

Aber damit hat eh nur Probleme, wer mit Gefühlen nicht klarkommt, von daher würde ich sagen, dass ich damit auch anderen eine Möglichkeit gebe, sich mit ihren eigenen, schwierigen Themen auseinanderzusetzen. 😉 Wir konnten zumindest den Konflikt eindämmen, und das ist vor dem Hintergrund ein gewisser Erfolg.

Ein weiteres (inneres) Konfliktthema, was sich im zweiten Semester weiter ausgebaut hat, ist, dass ich in den Vorlesungen zwar Input von meinen Dozenten, aber in der Regel nicht von meinen Kommilitonen bekomme. Am Anfang habe ich dieses Überlegenheitsgefühl ja ein wenig genossen, doch wurde es mir ziemlich schnell langweilig. Ich komme mir komisch darin vor, eine Vorlesung quasi als Privatunterricht mit dem Dozenten zu schmeißen. Wenigstens hatten wir ein paar Module mit dem anderen Kurs zusammen, in dem der Altersschnitt ein wenig höher ist, und die Studenten durch unterschiedliche Vorprägungen und Erfahrungen ein wenig anders sind. Die zwei mit Abstand ältesten Damen des Kurses hatten so viele wertvolle Gedanken mitzuteilen, dass ich immer sehr dankbar dafür war, wenn wir zusammen Vorlesungen hatten. Selbige wirkten immer wie eine Oase in der Wüste: es kamen oft Aussagen, auf die ich nicht selbst bekommen wäre und die bestimmte Dinge in völlig anderem Licht erscheinen ließen.

Alles in Allem bin ich durchaus zufrieden mit dem Semester und kann das Studium der Wirtschaftspsychologie an der Business School Potsdam (die jetzt nach Berlin zieht) jedem empfehlen.

Ich glaube, dass die meisten Kommilitonen bessere Noten als ich haben (obwohl ich zumindest im Bereich von 1,x bin), aber ich fürchte, dass ich wesentlich mehr aus so einer Vorlesung mitnehme, als die meisten. Das mag jetzt sehr nach der Herausstellung meiner Person klingen, aber ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mir wünsche, dass ich hier eine andere Einschätzung abgeben könnte, denn das würde bedeuten, dass ich mich fachlich und fachübergreifend beständig mit meinen Kommilitonen austauschen könnte!
Vielleicht habe ich auch nur eine andere Art, zu lernen; ich auf jeden Fall muss das, was mir jemand sagt, reflektieren, ich muss es zu „meinem“ machen. In der Musik geht es mir genauso, und wenn das, was ich lernen soll, „meins“ ist, funktioniert die Anwendung auch sehr gut. Wenn ich einfach nur still in der Vorlesung sitzen und mich berieseln lassen soll, schweife ich in Gedanken schnell ab und dafür komme ich nicht in die Hochschule, sondern dann kann ich ein Fernstudium machen.
Mir will sich allerdings nicht erschließen, was mir reines Wissen bringen soll, wenn ich damit nichts anfange – wenn ich nicht lerne, die Art zu denken nachzuvollziehen.

Vor diesem Hintergrund sehe ich zu, dass ich ein paar sinnvolle, praktische Dinge unternehme, um mein Wissen und meine Philosophie zu überprüfen und anzuwenden, zu verbessern und zu überarbeiten. Eine Sache davon ist sogar schon im Anlauf – doch das Projekt nimmt erst noch Gestalt an. 😉

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Über elassius

Ich bin ein "Endzwanziger" und habe Wirtschaftspsychologie an der Business School Berlin-Potsdam studiert. Die Themen, die mich im Leben besonders beschäftigen, haben stets mit dem "Dazwischen" zu tun, mit dem Erkunden von Grenzen und dem Verbinden von (vermeintlichen) Gegensätzen. In meiner Ausrichtung als Wirtschaftspsychologe spielt zum einen die Morphologische Psychologie eine Rolle, sowie die Systemtheorie. Beide Ansätze führen zu einer Haltung, in der der Berater eher Begleiter als Instrukteur ist - vor allem, weil Letzteres ineffektiv ist. Kernthemen meiner persönlichen Ausrichtung sind v.a. Organisationspsychologie und Führung sowie Coaching. Darüber hinaus beschäftige ich mich viel mit allerlei anderen Themen, v.a. Geschichte, asiatische Philosophie und Kriegskunst, Spiritualität, Musik und vielem mehr.
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